Grünes Band: Lebensader Todesstreifen
Rezensionen / 2. Oktober 2019

Der Kolonnenweg „zwingt einem förmlich ein langsames Fortbewegen auf“, stellt Mario Goldstein schon bald fest, nachdem er sich auf den langen Weg über das Grüne Band gemacht hat. Der in der ehemaligen DDR geborene Abenteurer, der selbst eine Fluchtgeschichte hinter sich hat, erkundet zu Fuß mit seiner Hündin Sunny den Todesstreifen, der zum Rückzugsort für viele Tierarten wurde und den nicht nur der Bund Naturschutz als Ganzes unter Schutz gestellt sehen will. Bislang sind es 75 Prozent der 1400 Kilometer, die sich Mario Goldstein auf seiner langen Wanderung als „Erinnerungslandschaft“ präsentieren. Die Natur hat die Grenze überwunden 30 Jahre nach dem Fall der Mauer hat zumindest die Natur die Grenze überwunden. Wo einst 44 000 bewaffnete Soldaten dafür sorgten, dass das Schussfeld frei lag und möglichst kein Grashalm „das Licht der Welt erblickte“, 20 1,3 Millionen Landminen die Grenze zur Todesfalle machten, wo Dörfer geschleift und Flüchtige erschossen wurden, entwickelte sich mit den Jahren der Biotopverbund Grünes Band, der nicht nur Ornithologen, Tierfreunde und Naturschützer begeistert. Wolf und Luchs sind zurück, Otter, Schwarzstorch, Teichfledermaus und Rotbauchunke. In zwei Etappen auf dem Kolonnenweg Auch wenn das Wandern auf dem oft zugewachsenen Kolonnenweg „manchmal vor allem Plackerei“ ist, auch wenn nach langen…

Mit Max Frisch auf der Baustelle
Rezensionen / 12. September 2019

Rainer Moritz weiß,  dass Schriftsteller aus ihrer Umgebung – dem Umfeld, den Mitmenschen – schöpfen , auch wenn es lange verpönt war, darüber zu reden. Nun hat der versierte Literaturkritiker und -Liebhaber  einen ebenso schönen wie lesenswerten Bildband zur Verortung von Literatur veröffentlicht. „Zum See ging man zu Fuß – Wo die Dichter wohnen“ lädt dazu ein, bekannte Schriftsteller wie Kafka und Hauptmann, Thomas Mann und Anna Seghers, Hesse und Schnitzler in ihrem Lebensumfeld kennen zu lernen und zugleich die Orte neu zu entdecken. Das Ortsbild von Travemünde Moritz ist ein wacher Beobachter, der in der Geschichte Bescheid weiß, aber auch die Realität der Gegenwart im Auge behält. So weist er bei Thomas Mann nicht nur darauf hin, dass das Buddenbrookhaus erweitert wird und mit zeitgeistigen Inszenierungen aufwarten soll, er spart auch nicht mit Kritik an den Errungenschaften der Moderne wie in Travemünde: „Kaum woanders ist es geglückt, mit einem einzigen Neubau ein Ortsbild so nachhaltig zu beschädigen.“ SUVs und Selfiestangen Der Autor registriert die SUVs vor dem Wohnhaus Schnitzlers in der Wiener Sternwartstraße und die Warteschlangen vor dem Kaffeehaus Central, die Besuchermassen in Prag und die „hochgereckten Selfie Stangen im Goldenen Gässchen“, auch die Touristen beim Tätscheln der Pessoa-Statue…

Züge als Zeitmaschine
Rezensionen / 20. August 2019

Die Faszination Eisenbahn ist von der ersten Seite an spürbar, und sie zieht sich durch alle sechs Kapitel und alle 400 Seiten. Die Weltreisende Sarah Baxter stellt die Züge als Zeitmaschine vor und beginnt ihre Reise durch die Geschichte der Menschheit anhand von Eisenbahnstrecken in der Urgeschichte. Das letzte Kapitel widmet sich dem modernen Streckenbau und der Rückbesinnung auf eine lange Tradition. Von Namibia bis Tschernobyl Ganz so schlüssig ist das Konzept allerdings nicht, auch wenn zu manchen Strecken Geschichtliches erzählt wird. Vordergründig geht es vor allem darum, interessante und spektakuläre Strecken vorzustellen, wobei nur ein Bruchteil mit einer ausführlichen Beschreibung, Karten und Bildern aufwarten kann. Nummer 1 ist der Wüsten-Express in Namibia, der auf einem Eisenbahnnetz aus der Zeit des deutschen Kaiserreichs unterwegs ist. Nummer 494, das letzte große Porträt, beschreibt die Strecke Owrutsch-Tchernihiw, zu der bis zum GAU 1986 auch Tschernobyl gehörte. Heute fahren die Züge bis Slawutytsch, das für die Menschen gebaut wurde, die aus der radioaktiv verseuchten Zone evakuiert werden mussten. Von hier führt ein Abschnitt zur neuen Endstation Semikhody in der 10-km-Sperrzone um Tschernobyl. Höhlenbahn und höchste Eisenbahn der Welt Es sind also höchst unterschiedliche Züge und Strecken, die das Buch vorstellt. Auch Schmalspur- und…

Viel Neuland im Osten
Rezensionen / 30. Juli 2019

Eigentlich hat sie was ganz anderes gemacht, war einmal Managerin, aber das Reisen mit der Kamera macht Julia Finkernagel soviel Spaß, dass sie auch so manche Unbequemlichkeit dafür in Kauf nimmt. Für den Mitteldeutschen Rundfunk mdr zog sie mit ihrem Kameramann Michael „Ostwärts“, in Länder, die noch nicht vom Overtourism heimgesucht sind, nach Polen, in die Slowakei, nach Bulgarien, Russland, Kirgistan, Georgien, Tadschikistan, Usbekistan und in die Mongolei. Eintauchen in Neuland Und sie traf in den oft bitterarmen Ländern nicht nur auf sympathische Menschen, sondern entdeckte auch jede Menge interessanter Kultur- und Naturschätze. Dass sie hin und wieder übers Ohr gehauen wurde, geschenkt. Da ist Julia Finkernagel nicht nachtragend. Ihr geht es darum, in Neuland einzutauchen. Dafür verzichtet sie gerne auf so manche Privilegien, die ihr als emanzipierter Frau und Filmerin zustünden, weswegen sie sich im Buch immer wieder an Hardcore-Feministinnen wendet, die ob dem Standing der Frauen in den besuchten Ländern die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würden. Emanzipation Nebensache Doch die Ostwärts-Reisende will erfahren, nicht belehren. Julia Finkernagel lässt sich sogar überreden, in Kirgistan die Rolle einer „Schwiegertochter“ zu übernehmen. Fazit: Viel Arbeit, nichts zu melden. Trotzdem sieht sie die bereisten Länder und ihre Reisebegleiter mit viel Sympathie….

Straße der Träume
Rezensionen / 27. April 2019

China macht seit Jahren mit seinem Seidenstraßen-Projekt Schlagzeilen. Die wirtschaftsmächtige Volksrepublik investiert Milliarden in Straßen, Bücken, Tunnels und Bahnstrecken für Hochgeschwindigkeitszüge, um einen Abschnitt der legendären Seidenstraße zwischen Xinjing und Zentralasien wieder zu beleben. Dabei, so schreibt Alfred de Montesquiou gleich zu Anfang seines informativen Bildbands „Abenteuer Seidenstraße“ gäbe es die Seidenstraße eigentlich nicht.  Die alte Handelsroute, die im 15. Jahrhundert schon ihre kommerzielle Bedeutung verlor, sei weder geografisch noch historisch genau zu verorten. Und doch bleibe sie bis heute „die Synthese aller Wege in den Orient und in die Welt der Träume“. Mit Marco Polo auf Entdeckungsreise Nach einem kurzen Exkurs in die Geschichte der Handelsstraße, die nicht aus einer sondern aus mehreren Routen besteht, kommt der Autor, der über Jahre als Journalist im Nahen Osten über Krieg und Terror berichtete, auf den Entdecker Marco Polo. Denn es geht ihm darum, „die Welt von heute durch die Linse seiner ‚Beschreibung der Welt‘ zu betrachten“. Ausgangspunkt seiner achtmonatigen Reise mit Auto, Zug, Flugzeug und Bus aber auch zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auf einem Kamel ist deshalb Venedig. Und weil unsere Welt mit Dschihad, Fremdenfeindlichkeit und Brexit aus den Fugen geraten ist, wünscht sich Montesquiou, die Idee der Seidenstraße…

Kailash: Reise in die Seele
Rezensionen / 29. März 2019

„Wohin sind die Götter verschwunden?“ fragt sich Olivier Föllmi, als er 30 Jahren nach Tibet zurückkehrt, in das Land, das ihn als jungen Mann so verzaubert hat, dass er 20 Jahre lang fotografierend durch den Himalaya gewandert ist. Für ihn ist die Fotografie die wichtigste Stütze seiner Meditation. Und bevor er sich im von China geprägten Tibet auf Pilgerreise zum heiligen Berg Kailash begeben kann, muss er „zurück zu meinem inneren Tibet“ finden und sich in den Zustand des „Bardo“ begeben, „des Bewusstseinszustands zwischen zwei Leben“. Göttlich wirkende Landschaft Dahin werden ihm die wenigsten Leser folgen können. Aber sie werden die großartigen Aufnahmen des vielfach ausgezeichneten Fotografen lieben: Die tatsächlich göttlich wirkende Landschaft. Die Gesichter der Tibeter – alte, wettergegerbte von Falten durchzogene und junge, glatte mit offenen Augen. Die Farben der Gebetsfahnen im Wind und unter Schnee. Sie werden Föllmis Faszination für Lama Govinda, einen Deutschen, verstehen lernen, dessen Buch „Der Weg der weißen Wolken“ für die Reisen des Fotografen zur Bibel wurde. Und sie werden Föllmis Freund, den Ausnahme-Informatiker Jean-Marie Hullot kennenlernen, der ebenso wie Föllmi vom Buddhismus durchdrungen ist und mit ihm diese Pilgerreise zum Kailash unternimmt. „Straßenwalze des Fortschritts“ Auch er sieht in Lhasa „die Straßenwalze…

Wandernd auf den Spuren der Vorfahren
Rezensionen / 1. März 2019

Ganz schön ambitioniert: Ein Wanderbuch als Zeitreiseführer, angefangen bei der Urgeschichte über die Aborigines und die Religionsgründer Buddha und Jesus bis zu Pilgerfahrten, Handelsrouten und den Expeditionen der großen Entdecker – und schließlich dem Freizeittourismus unserer Tage.  500 Walks auf 400 kompakten Seiten. Da finden sich denn auch so unterschiedliche Wanderungen wie der Inka-Trail in Peru, der Polarkreisweg in Grönland, der Hillary Trail in Neuseeland oder der Berliner Mauerweg. Unterschiedlichste Wanderwege Für manche der Wege in 500 Walks braucht man viel Zeit, gute Kondition und starke Nerven, für andere gerade mal ein paar Stunden. Manche Wege füllen mehrere Seiten, für andere muss eine Kürzestbeschreibung reichen. Eine außergewöhnliche Herausforderung ist der Great Himalaya Trail mit 1706 Kilometer. Auch die Alpendurchquerung, bei der es auf 2495 Kilometern immer wieder über schwindelerregende Steige geht, verlangt viel Ausdauer und Trittsicherheit. Mit einer Länge von 500 Kilometern ist der Paulusweg in Westanatolien dagegen fast schon ein Spaziergang – allerdings ein anstrengender. Weniger anstrengend wenn auch mit 600 Kilometern etwas länger ist die Via Claudia Augusta auf den Spuren römischer Legionäre. 29 Tage sollte man rechnen, um von Trient über den Reschenpass und das Lechtal bis nach Donauwörth zu kommen. Den Jakobsweg kennt jeder (780 Kilometer…

Nomaden mit Stellplatz
Allgemein / 6. Januar 2019

Sie hatten sich für diesen Roadtrip durch Europa beworben: Die Kulturmanagerin Elsa Frindik-Pierret und ihr Partner Bertrand Lanneau, der Marketing und Sportmanagement studiert hatte. Ihr Buch zu Vanlife mit vielen schönen Fotos – beide sind leidenschaftliche Fotografen – erzählt von dieser einzigartigen Reise durch 24 Länder. Sechs Monate waren sie unterwegs, 185 Tage und Nächte im Campingbus Patrick – als Nomaden mit Stellplatz sozusagen.  Denn die Suche nach dem Stellplatz für die Nacht nimmt hin und wieder viel Zeit in Anspruch. Und da hat auch jedes Land seine eigenen Vorschriften, über die man sich vor einer Reise informieren sollte. Ein Randdasein ohne Termindruck Die Einzigartigkeit dieser Reise wird dem Paar immer wieder bewusst. „Jeder nette Mensch, dem wir begegnen, wird zum Freund des Tages, jede Naturbeobachtung ist ein ergreifendes Erlebnis,“ schreibt Elsa Frindik-Pierret. Die gesteigerte Sensibilität, zu der auch das Zusammenleben auf engstem Raum führt, und das „Randdasein“ ohne Termindruck haben aber auch andere Folgen: „Es ist nicht einfach, rund um die Uhr Tag für Tag mit seinem Partner in einem so beengten Raum zusammenzuleben,“ merkt die junge Frau. Manchmal führen Nichtigkeiten zum Streit, der allerdings meist so schnell wieder beendet wird wie er aufgekommen ist. Und wenn die Gesprächsthemen…

The Great Himalaya Trail: 1864 Kilometer in 87 Tagen
Allgemein , Rezensionen / 18. November 2018

Er hätte auch nur durch laufen können, ohne nach links und rechts zu schauen – und auch das wäre im Himalaya schon eine Riesenleistung gewesen. Aber das ist nicht die Art, wie Peter Hinze unterwegs sein will. Zwar hat der Münchner Journalist und Autor den Great Himalaya Trail von Ost nach West durchlaufen – aber es ging ihm, dem Ultra-Marathonläufer, vor allem um das Schicksal der Menschen, um die Zukunft der Bergregion. Ein Weg in den Alltag einer aussterbenden Kultur 1982 war Hinze das erste Mal in Nepal, illegal, und von da an war der Reporter dem geschundenen Land verfallen. Hinze lernt Sir Edmund Hillary kennen, er interviewt den Dalai Lama, macht Reportagen über das Leben im Himalaya und die Helden der Berge, die Sherpas – und entdeckt seine Leidenschaft fürs Trail-Running. Auf dem Great Himalaya Trail, 1864 Kilometer lang, kann er beides verbinden. Was er am Wegrand sieht und erlebt, macht ihm zu schaffen: Von China finanzierte und gebaute Straßen schlagen Schneisen in die Landschaft, Dörfer und Klöster verfallen, tibetische Freunde verschwinden, der Klimawandel verändert die Landschaft, die jungen Leute wandern ab, der Tourismus bedroht die Traditionen. Das Schicksal der Sherpas Hinze inszeniert sich nicht als Held, auch wenn…

Verlorene Paradiese
Rezensionen / 23. Oktober 2018

Markus Mauthe ist nicht nur ein engagierter Naturfotograf, sondern auch ein leidenschaftlicher Naturschützer. Mehr als drei Jahre war er für sein neues Projekt in den entlegensten Gebieten unterwegs und hat Menschen besucht, die an den Rändern unserer westlich geprägten Welt leben und „sich den Spielregeln der Moderne so weit wie möglich widersetzen“, wie Florens Eckert im Vorwort schreibt. 22 indigene Volksgruppen hat Mauthe porträtiert – in Tropenwäldern, Gebirgen, Wüsten, auf dem Ozean und im eisigen Norden. Aufschrei gegen die Ausbeutung Sein Buch ist ein Aufschrei gegen die Ausbeutung, „die inzwischen in die letzten Ecke der Erde reicht“. Mit seinen großartigen Porträts will er die Geschichten der Betroffenen erzählen, denen eine Stimme geben, deren Lebensräume mit bestürzender Hochgeschwindigkeit schwinden. Er war bei den kriegerischen Suri im Südsudan. Bei den christlichen Chin in Myanmar, deren Frauen sich die Gesichter tätowieren. Er hat die Awa am Amazonas fotografiert und dabei das Gefühl gehabt, „sowohl deren letztes Kapitel zu erleben als auch tief in ihre Vergangenheit zu blicken“. Er war bei den Himba und den San in Namibia, deren Kinder sich schämen, einer minderwertigen Kultur anzugehören. Der Alltag als Touristen-Spektakel Er hat das Omo-Tal durchstreift, wo die Touristen einzigartige Erlebnisse erwarten und mit dazu…