Alice Renard hat selbst eine ungewöhnliche Lebensgeschichte. Die heute 21-jährige wurde im Alter von sechs Jahren als frühreif eingestuft, und sie beschäftigte sich intensiv mit Neurodiversität und Hyypersensibilität. Diese Kenntnisse flossen wohl in ihren Debütroman ein, der bereits mehrere Preise erhielt. Vater- und Mutterprotokolle „Hunger und Zorn“ ist der deutsche Titel dieses dreiteiligen Romankonstrukts, im Original „La colère et l‘envie“ (Zorn und Verlangen“. Im Mittelpunkt steht das Mädchen Isor, das seine Eltern zur Verzweiflung bringt. Die Tochter ist nicht nur unangepasst, sie spricht nicht, hat immer wieder Wutanfälle, flüchtet sich in Phantomsprachen und richtet Chaos an. Weil auch Ärzte und Sozialarbeiter vor einem Rätsel stehen, ziehen sich die Eltern ganz auf die Familie und ihre Wohnung zurück. Dieser erste Teil wird protokollartig und abwechselnd von Vater und Mutter erzählt. Der alte Nachbar Im zweiten Teil übernimmt der alte Nachbar Lucien Vincent als Ich-Erzähler. Wegen eines Wasserrohrbruchs in der Wohnung bitten Isors Eltern den 70-Jährigen, einen Nachmittag lang auf ihre Tochter aufzupassen. Daraus entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen dem alten Mann und dem jungen Mädchen. Sie spielen Domino, hören Musik, erzählen einander Geschichten. Beide blühen in der Gegenwart des jeweils anderen auf, empfinden eine ungewöhnliche Verbundenheit. „Ich liebe deine fast…