Kleine Dinge können Großes schaffen. Das gilt auch für die kleinen Dinge, die Benoît Coquil in den Mittelpunkt seines gleichnamigen Debüts stellt: Magic Mushrooms, Psilocybe, „schön aufrecht auf der Erde, kaum größer als ein Däumling“. Auf höchst unterhaltsame Art und mit wechselnden Perspektiven erzählt der französische Autor davon, wie die magischen Pilze aus der mexikanischen Hochebene zu den amerikanischen Hippies und in die Labore der Wissenschaft gelangt sind.
Die Etholmykologen
Einen großen Anteil daran haben der Bankier Gordon Wasson und seine aus Russland stammende Frau Valentina, die ihren Mann mit ihrer Leidenschaft für Pilze ansteckt. Gemeinsam durchstöbern sie Bibliotheken nach der Geschichte der Pilze und werden“Ethomykologen“, Pilzforscher. Und auf der Suche nach immer mehr Wissen über die geheimen Kräfte der Pilze reisen die Wassons in die mexikanische Hochebene zu Maria Sabina, der Hohepriesterin der Magic Mushrooms:
Die Schamanin
„Es heißt, sie habe sie, schon bevor sie zehn gewesen sei, zum ersten Mal probiert. Es heißt, sie könne zu ihm sprechen, zu Gott, und auch zu den Heiligen, zu Maria und selbst zum verstorbenen Präsidenten der Republik, Benito Juárez. Es heißt, sie heile durch die Sprache, durch die Hohe Sprache der Pilze. Sie nenne sie im Übrigen niemals so, Pilze. Weil sie natürlich mehr als das seien. Sie sage lieber die heiligen Kinder, sus niños santos oder auch las cositas, die kleinen Dinge, ihre Kleinlinge.“
Die Magie der Kleinlinge
Gordon gelingt es, in Maria Sabinas Allerheiligstes vorzudringen. So erfährt er die Magie der Kleinlinge am eigenen Leib und „kippt hinüber ins Leere“. Die Pilze tragen ihn fort in eine barocke Wunderwelt. „Wasson badet in völligem Kitsch“. Valentina wird diese Erfahrung erst später machen „wie immer in den Fußstapfen ihres Mannes“. Dabei war es doch sie, die Gordon erst auf die Spur der Pilze gebracht hatte. Aber die Ehre der Psilocybe-Entdeckung nimmt er für sich in Anspruch.
Die Spuren der Pilze
Über Zeitungsartikel verbreitet sich die Geschichte von der Schamanin Maria Sabina und ihren heiligen Kindern bald in aller Welt. Hippies auf der Suche nach Bewusstseinserweiterung überfluten das abgelegene Dorf, das durch den Ansturm seine Ursprünglichkeit verliert. Auch Maria Sabina kann nur verlieren. Ihr Haus brennt ab und am Ende sprechen auch ihre Kleinlinge nicht mehr zu ihr. Dafür gibt es andere, die mit halluzinogenen Substanzen experimentieren wie der Schweizer Albert Hofmann, der LSD entdeckte. Oder Timothy Leary, der seine Anhänger zu Psilo-Exzessen ermuntert. Oder Walt Disney, dessen Disney Welten und Filme ekstatische Erfahrungen vorspiegeln.
Lustvolle Lesereise
Benoît Coquil bringt sie alle unter in seinem vielfarbigen Roman, dessen teilweise rauschhafte Sprache Till Bardoux wunderbar ins Deutsche übertragen hat. So ermöglichen „Kleine Dinge“ eine ebenso lustvolle wie erkenntnisreiche Lesereise ganz ohne Drogenrausch.
Info . Kleine Dinge, Berlin Verlag, 254 S., 25 Euro.
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