In dem Roman „Bei Licht ist alles zerbrechlich“ erzählt der Neapolitaner Gianni Solla eine ebenso berührende wie unglaubliche Geschichte aus den letzten Jahren des 2. Weltkriegs und der frühen Nachkriegszeit. Davide ist arm dran. Als Sohn eines Schweinehirten stinkt er, wegen eines verkürzten Beins hinkt er auch noch, und er kann weder lesen noch schreiben. Das ideale Mobbing-Opfer für die Dorfjugend. Nur Teresa ist ihm eine treue Freundin, gegen den Willen ihres – wohlhabenden – Vaters. Die Juden kommen ins Dorf Es ist noch Krieg in Italien, Mussolinis Faschisten geben den Ton an. Auch Davides Vater ist Faschist. Eines Tages bringt ein Bus Juden aus Neapel in das abgelegene Dorf. Die anfängliche Abneigung gegen die unwillkommenen Gäste weicht allmählich der Gewöhnung. Die Dreier-Freundschaft Für Davide ist die Ankunft der Juden schicksalhaft. Ein gleichaltriger Junge, Nicolas, fasziniert ihn. Und dessen Vater, ein Lehrer, lehrt ihn Schreiben und Lesen. Nicht einmal die Schläge des Vaters und der grausame Tod seines Lieblingsebers können Davide vom Lernen abhalten. Nicolas wird zum Freund, zum Dritten im Bund von Teresa und Davide. Das ungleiche Trio erlebt einen unbeschwerten Sommer. Davide ist glücklich – bis er Teresa und Nicolas bei einem Kuss beobachtet. Das ist das Ende…
Donatella Di Pietrantonio kennt die Gegend um Pescara, von der sie in ihren Romanen erzählt. Das spürt man in jeder Zeile. Und als Kinderzahnärztin hat die Schriftstellerin viel Erfahrung mit Kindern und Jugendlichen. Auch die ist in ihren mit dem Premio Strega ausgezeichneten Roman „Die zerbrechliche Zeit“ eingeflossen. Leben im Lockdown Der Roman erzählt die Geschichte eines kleinen Ortes. Zugleich ist es die Geschichte der jugendlichen Amanda, die im Lockdown in das ungeliebte Zuhause zurückkehrt. „Mailand hat mir eine erloschene Tochter zurückgegeben“, stellt die Mutter traurig fest. Zwischen dem Schweigen Amandas und der Wortkargheit ihres Vaters versucht sich die Ich-Erzählerin Lucia in der Erklärung ihres eigenen Lebens und seiner Zerbrechlichkeit. Gesammeltes Schweigen Früh ahnt man, dass die Menschen unter dem Dente del Lupo, dem Wolfszahn, an einem Unglück leiden, das sie nie bewältigt haben. Auch Amanda hat etwas erlebt, das ihr Grundvertrauen erschüttert hat. Wie das Dorf begräbt sie das Erlebte, indem sie sich zurückzieht. Unheilvoll hängt dieses gesammelte Schweigen über dem Alltag. Lucia sorgt sich um ihre Tochter, fühlt sich ausgeschlossen: „Das geheime Leben der Kinder. Wir wissen, dass es existiert, sind aber nie darauf gefasst, es zu berühren.“ Seelenlandschaft Der Dente del Lupo in den Abruzzen mit dem…
Corona in Mailand. Eine typische Straße in der Stadt: „Da ist sie, die Via Marghera, eng und elegant, auch diese Straße ändert sich nie, mit unbekümmerter Ironie erträgt sie die Zeit.“ Mittendrin das Café Royal, zentraler Treffpunkt der gut situierten Menschen, die hier wohnen und zu Pandemie-Zeiten mehr denn je an ihrer Existenz leiden. Marco Balzano hat sie in seinem Episodenroman „Café Royal“ porträtiert. Die 18 Episoden, benannt nach den jeweiligen Protagonisten, fügen sich zum Bild einer Gesellschaft, die an der Langeweile zu ersticken droht. Träumen und Hadern Da ist der Arzt, der seine Patienten nicht mehr sehen kann. Der Aushilfspriester, der mit seinem Glauben hadert: „Ich lese die Messe wie ein Postbeamter.“ Der Kellner, der von einer unerfüllbaren Liebe träumt. Die Ehefrau und Mutter, die aus Langeweile eine Affäre mit dem Jugendfreund beginnt. Die einsame Alte, die ihren Kindern eine Nase dreht. Die Adoptivtochter, die wegen des Lockdowns die Bindung an die Adoptiveltern vertieft. Die Frau, die sich beim Martini-Trinken in einen Fremden verliebt. Der Hilfskoch, der mit der jungen Obdachlosen tändelt… Komplexes Beziehungsgeflecht Die Episoden sind aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, mal in der Ich-Form, mal berichtet der auktoriale Erzähler, auch ein Brief ist dabei. Meist geht es um…
Da ist er wieder, der eigenbrötlerische Kommissar Weinzierl, den Krimi-Autorin Nicola Förg einige Zeit vernachlässigt hat. Dafür bekommt er im neuen Krimi „Moorlichter“ einen Fall, der auch hartgesottenen Krimileserinnen und -Lesern unter die Haut gehen dürfte. Doch bis es zur zentralen Geschichte kommt, die auch in Weinzierl, der noch immer um seinen Hund trauert, lang unterdrückte Emotionen hochkochen lässt, müssen die Lesenden sich gedulden. Kitzretter unterwegs Es war die Arbeit einer Gruppe von Kitzrettern, die Nicola Förg auf die Idee zu diesem Krimi gebracht hat. Die Tierfreundin war elektrisiert. Drohnen, die dabei helfen, Kitze vor dem Mähtod zu bewahren! In ihrer Story sorgen die Drohnen dafür, dass eine Leiche gefunden wird. Die des Altbauern Sebastian Mair, ein eher unfreundlicher Zeitgenosse, der Tiere hasst, Rehe wildert und selbst vor den geschützten Bibern nicht Halt macht. Könnten also Tierfreunde hinter seinem Tod stecken? Aufklärung über Reh und Wald Weinzierl und seine Kollegin Evi Straßgütl ermitteln in alle Richtungen und sorgen dafür, dass auch die Lesenden wieder so einiges lernen über Tier- und Artenschutz, über das Fauna Flora Habitat und den deutschen Wald. Das gehört bei den Förg-Krimis einfach dazu. Schließlich gibt es in diesem Bereich jede Menge Unkenntnis und Missverständnisse, zum Beispiel…
Bachtyar Ali, 1966 im Nordirak geboren, steht ganz in der Tradition der orientalischen Märchenerzähler. Sein neuer Roman „Die Herrin der Vögel“ entführt die Lesenden in eine fremde, oft auch befremdende Welt. Eine Welt, in der Messerhelden den Ton angeben, in der nur Blutrache die Ehre wieder herstellen kann und der Alltag von Gewalt geprägt ist. Es ist die Endzeit von Saddam Hussein, das kurdische Dorf wird von Clan-Kriegen heimgesucht. Und mittendrin Sausan, die bleiche Schöne. Der Liebesbeweis Drei Männer werben um die kränkliche junge Frau, die so geheimnisvoll wirkt und bisher jeden Heiratsantrag ausgeschlagen hat. Doch nun soll sie sich entscheiden, fordern der Vater Fikrat und die Familie. Sausan aber will ihre Bewerber auf eine Probe stellen. Acht Jahre sollen sie in die Welt hinausziehen, um für sie die schönsten Vögel zu finden. Trotz aller Unterschiede stimmen alle drei Männer zu, diesen Liebesbeweis erbringen zu wollen. Wie die Prinzen im Märchen Kameran, der junge Maulheld, attraktiv aber ungebildet, hat vorher schon seinen Rivalen, den Studenten Asrin mit einem Messer attackiert. Mit dem smarten Kaufmann Khaled ist das Trio perfekt. Jeder der drei hat seine Unterstützer, die Sausan vom Fortschritt der Reise berichten. Und während sie auf ihrer Quest sind wie…
Wie sicher können wir uns unserer Erinnerungen sein? Was machen wir uns vor? Was haben wir uns aus Erzählungen zusammengereimt? Auch darum geht es im Debüt von Sarah Easter Collins. Schon der Titel „So ist das nie passiert“ warnt davor, dem, was hier berichtet wird, blind zu vertrauen. Schließlich könnte alles auch ganz anders gewesen sein. Die verschwundene Schwester Klar ist, dass Willas kleine Schwester Laika mit 13 Jahren spurlos verschwunden ist und dieser Verlust Willa ein Leben lang begleitet. Im Internat lernt sie Robyn kennen, die ihr eine verständnis- und liebevolle Freundin wird. Aber auch ihr kann sie nicht alles erzählen, was sie bedrückt. Von der kleinen Schwester, die so ganz anders war als sie selbst: wild und respektlos. Vom autoritären Vater, der nicht nur Laika disziplinieren will sondern die ganze Familie. Verschiedene Leben Es gibt viele Vermutungen nach dem Verschwinden Laikas – auch der Vater gerät in Verdacht. Als „niederträchtig“, ja „tollwütig“ empfindet Willa die Medien, die nach Laikas Verschwinden das Haus belagern. Die Vergangenheit lässt sie nicht los, sie sucht ihre Schwester in aller Welt – vergeblich. So vergehen die Jahre. Robyn ist inzwischen mit Cat verheiratet, die Frauen haben zwei Kinder. Und Willa hat einen Verlobten,…
Eva Rossmann ist Verfassungsjuristin und politische Journalistin. Für ihre Krimis mit der Wiener Journalistin Mira Valensky und deren aus Bosnien stammende Freundin und ehemalige Putzfrau Vesna Krajner wurde sie mehrfach ausgezeichnet, 2024 mit dem Österreichischen Krimipreis. Der neue Krimi „Alles Gute“ dreht sich um eine App gegen die Spaltung der Gesellschaft. Nichts Gutes für den Erfinder Klingt doch gut. Wer würde sich so ein Tool nicht wünschen? Gerade in der heutigen Zeit mit den tiefen Gräben im Volk. Doch dem Erfinder, dem Geschichtslehrer Peter Gruber, hat die App „LISA wünscht alles Gute“ nichts Gutes gebracht. Das Strichmännchen seiner kleinen Nichte Lisa hat zwar jede Menge Menschen dazu animiert, die App runterzuladen und ihn damit reich gemacht. Aber nun fühlt sich Gruber verfolgt. Angst vor den Folgen Der Mann, der im Unterricht immer wieder auf die Parallelen zwischen der heutigen Zeit und den Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts hingewiesen hat, hat Sorge, dass seine App von geldgierigen Internet-Firmen missbraucht werden könnte – um Daten abzugreifen. Und dass skrupellose Geschäftemacher sich womöglich auch an seiner kleinen Nichte vergreifen. Hass und Milliarden-Geschäfte Gruber bittet Mira und Vesna um Hilfe. Die beiden verstehen zunächst nur Bahnhof. Aber dann verschwindet der Lehrer und Mira und…
Alard von Kittlitz ist ein Sprach-Virtuose und ein scharfsinnige Beobachter. Man liest gerne seine eleganten Sätze, lässt sich auch hineinziehen in Diskussionen, die vor bemühter Intellektualität strotzen. In seinem neuen Roman „Kismet“ geht es um ein Paar, das vor allem um sich selbst kreist. Die Jurastudentin Johanna fühlt sich schicksalhaft zu dem armenischen Maler David hingezogen, dessen rätselhaftes Gemälde sie in Bann geschlagen hat. Gegenseitige Abhängigkeit Die beiden ungleichen Mittzwanziger kommen auch zusammen, aber es wird eine äußerst schwierige Beziehung, die lange unter einem Mangel an sexueller Nähe krankt. Beide haben Verletzungen davon getragen, die sie vor dem jeweils anderen verbergen. Alard von Kittlitz erzählt aus der Perspektive von Johanna, wie sich die Beziehung zwischen Berlin, Ibiza und New York zu einer gegenseitigen Abhängigkeit, ja zu einer Obsession entwickelt. Zelebrierte Außergewöhnlichkeit Johanna leidet unter Davids Besitzanspruch, unter seiner Aggressivität und fordert sie doch immer wieder heraus. Die beiden können nicht miteinander, sie können aber auch nicht von einander lassen. Johanna vernachlässigt Familie und Freunde, um diese außergewöhnliche Beziehung zu zelebrieren, auch wenn sie immer wieder Zweifel daran hat, dass sie ihr guttut. Abgründe in Bergkarabach Die abgründige Liebe ist das Zentrum des Roman. Daneben geht es auch um den Kunstmarkt…
Der Ire Paul Murray kann erzählen, seitenlang. Auch sein hochgelobter Roman „Der Stich der Biene“ ist ein dicker Brocken. Die 700 Seiten über eine dysfunktionale Familie in den irischen Midlands haben es 2023 sogar auf die Shortlist des renommierten Booker Prize geschafft. „Sie werden in diesem Jahr keinen traurigeren, spannenderen und lustigeren Roman lesen“ wird der Guardian auf dem Umschlag zitiert. Sinnbild des Zerfalls Tatsächlich ist diese Geschichte über den Niedergang der Familie Barnes teilweise urkomisch, teilweise Furcht erregend aktuell und immer spannend. Murray lässt die Lesenden hinter die Fassade blicken – auf eine irische Gesellschaft, wie man sie so nicht kennt. Der Zerfall der wohlhabenden Familie steht sinnbildlich für den Zerfall der Gesellschaft, die nach dem Motto zu leben scheint „Jeder für sich und Gott gegen alle“. Ein ungleiches Paar Im Mittelpunkt der Geschichte, die Paul Murray aus den unterschiedlichen Perspektiven der Familie erzählt, steht Dickie, der den prosperierenden Autosalon seines Vaters an die Wand fährt. Nach dem Unfalltod seines charismatischen Bruders Frank hat Dickie dessen Geliebte geheiratet, obwohl er während seines Studiums in Dublin seine Homosexualität entdeckt und mit einem Freund ausgelebt hat. Imelda kommt aus prekären Verhältnissen: Der Vater ein nichtsnutziger Säufer, die Brüder bis auf den…
Moa Herngren hat mit ihrem Roman „Scheidung“ in Schweden einen Bestseller gelandet. Wahrscheinlich auch deshalb, weil viele Lesende die Problematik kennen und sich im Roman wieder erkennen. Wie heißt es immer so schön: Es gehören immer zwei dazu, wenn eine Partnerschaft nicht funktioniert. Das ist auch bei Bea und Niklas nicht anders – auch wenn Bea es nicht wahrhaben will. Trautes Heim, Glück allein? Hat sie nicht immer alles getan, um Mann und Töchtern ein schönes Heim und ein harmonisches Familienleben zu verschaffen? Und Niklas? Was hat er schon dazu beigetragen? Ja, ohne sein Gehalt als Kinderarzt könnten sie sich die luxuriöse Wohnung, die Reitstunden für die eine Tochter und so manche Extra-Ausgabe nicht leisten. Dafür hat sie der Familie zuliebe auf eine eigene Karriere verzichtet und begnügt sich mit einer eher bescheidenen Entlohnung beim Roten Kreuz. Mehr als eine Midlife-Crisis Moa Herngren lässt Bea als erste zu Wort kommen, ihren ganzen Frust ablassen. Doch die journalistisch versierte Autorin weiß, dass es zwei Wahrheiten gibt. Und deshalb darf Niklas auch ausgiebig seinen Standpunkt klarstellen. Warum will er nach einem eigentlich lächerlichen Streit raus aus der Beziehung? Da ist mehr dahinter als die übliche Abnützung in einer langen Ehe oder eine…