Alle Jahre wieder zur Weihnachtszeit durchstöbere ich meine Bücher nach besonderen Schätzen, die Reisenden Freude machen könnten aber auch Menschen glücklich machen, die von Reisen träumen. Hier ist meine Buchauswahl, die hoffentlich für jeden und jede etwas bietet. Für Bergfreunde Beim Klettern und Fotografieren, könne er „mit voller Begeisterung in etwas versinken“ wie einst als Bub in den Bergen, schreibt Heinz Zak im Vorwort zu dem monumentalen Bildband „Tirol – Magie der Berge“. Tatsächlich können auch die Betrachtenden in den grandiosen Bildern versinken, die der Fotograf ausgewählt hat. Bilder von Sonnen- und Mondaufgängen, von Föhn- und Gewitterstimmungen, von schroffen Felsen und knorrigen Bäumen, von Eis und Schnee. Auch solche von Wolkenformationen, von Blumenwiesen, Seen, Höhlen und Wasserfällen. Man weiß gar nicht, welches Motiv eindrucksvoller ist. Magisch sind sie alle in ihrer fast überirdischen Schönheit. Manchmal fotografiert Zak „wie außerhalb von Zeit und Raum“, und so fühlt man sich auch beim Betrachten dieser Fotografien, die unsere Augen für die Schönheit und Zerbrechlichkeit der Berglandschaft öffnen. Info Heinz Zak. Tirol – Magie der Berge, Tyrolia, 256 S., 48 Euro Für Leseratten Die Arbeitszimmer von Goethe und Schiller sind wahre Pilgerstätten. Nicht alle Schriftsteller haben solche Arbeitszimmer, manche schrieben und schreiben in…
So ein Besuch verlassener und vergessener Orte kann ganz schön abenteuerlich sein – nicht nur an Halloween, dem Tag der Geister. Zumindest deutet Cornelia Lohs das in den Verhaltensregeln an, in denen sie nicht nur darum bittet, die Orte mit Respekt zu behandeln, sondern auch dazu rät, nicht allein zu gehen und sich mit festem Schuhwerk und reißfester Kleidung auszurüsten. Römerkastell und Rakete Dann kann‘s losgehen. 33 düstere und unheimliche Orte hat die Cornelia Lohs im Odenwald aufgespürt: verfallene Klöster, Burgruinen, verlassene Friedhöfe, Höhlen, ja sogar Galgen. Manche der Orte stammen aus der Römerzeit wie die Ausgrabungen des Römerbads Kastell Würzburg, andere aus der Neuzeit wie das Raketenmodell am Ortseingang von Hardheim, das an den Raumfahrtpionier Walter Hohmann erinnern soll. Relikte aus der Nazizeit An eine düstere Geschichte aus nicht allzu lang vergangener Zeit erinnert der „Goldfisch-Pfad“, ein zweieinhalb Kilometer langer Rundweg im Obrigheimer Wald, der die oberirdischen Überreste zweier unterirdischer Rüstungsfabriken aus der Nazizeit verbindet. An zehn Stationen wird von dem Menschen verachtendem Projekt (Tarnname Goldfisch) erzählt, von Rüstungswahn und Zwangsarbeit. Schaurige Szenerie Cornelia Lohs ist ihren „Lost & Dark Places“ sehr nahe gekommen, hat sie so fotografiert, dass sie besonders schaurig wirken – vor dunklen Wolken, im Nebel….
Transsilvanien, da denkt man zuallererst an Dracula, blutsaugende Vampire, an Bären und Wölfe. Aber eher nicht ans Auswandern. Die Literaturwissenschaftlerin Rita Klaus hat aber genau dort für ihre sechsköpfige Familie eine neue Heimat gefunden – in einem Dorf im Nirgendwo. Mit Leichen gepflastert In dem Buch „Tatsächlich Transsilvanien“ beschreibt sie den nicht immer ganz einfachen Weg der Familie, in Rumänien heimisch zu werden: „Nein, unser Weg nach Transsilvanien war nicht einfach. Er ist mit Leichen gepflastert, gefressene Katzen, gerissene Kühe, erfrorene Straßenhunde, erstochene Schweine, geköpfte Truthühner. Und Rumänen, die sich über uns totgelacht haben.“ Fettnäpfchen und Tretminen Mit Recht, wie die Autorin zerknirscht einräumt. Kein Fettnäpfchen, in das sie nicht getreten ist, und dann auch noch die Tretminen der rumänischen Sprache. Rita Klaus und die Ihren mussten viel lernen, bis sie sich in Transsilvanien daheim fühlen konnten. Das fängt schon bei der Sanierung des alten Hauses an und reicht hinein bis in den Alltag: „In Rumänien bist du der Depp, wenn du nicht backen, räuchern, wursten oder wenigstens anständig einkochen kannst.“ Straßenhunde und Plumpsklo Die Neuankömmlinge müssen sich an die allgegenwärtige Armut ebenso gewöhnen wie an den Müll, die Straßenhunde und überhaupt den eher rauen Umgang mit Tieren. Dafür werden…
Paolo Rumiz erzählt in seinem neuen Buch von einer Reise, einer Reise zu Wasser auf einem alten Segelboot. Vier Freunde haben sich zusammengetan, um gemeinsam das Meer zu bereisen, das Europa von Asien trennt. Doch das Mittelmeer, wie Paolo Rumiz es erlebt, hat seine Unschuld verloren. Es ist „ein Schlachtfeld, aber auch das Meer des Massentourismus, der autokratischen Kräfte, der Schiffsbrüche, des Klimawandels“, so beschreibt der Reise erfahrene Autor es in einem Interview. Liebeserklärung an Europa Von diesem Meer handelt sein Buch – und von Europa. Es ist eine Liebeserklärung an den alten Kontinent, die der griechische Kapitän Petros formuliert: „Er kannte keine andere Region, so wunderschön gelegen zwischen Bergen, Ozeanen und Steppen, wo auf einem Raum die Birke mit dem Feigenbaum und der Agave wächst, wo es Kathedralen gibt und alpine Schutzhütten, Inselgruppen und mäandernde Flüsse, Synagogen, Leuchttürme und Minarette.“ Flucht in die Antike Doch dieses Europa ist bedroht, von innen und von außen. Auch die Touristen tragen ihren Teil dazu bei: „Die Ferienflieger stürzten sich herab auf das Bergplateau… Es waren Heerscharen auf All-inclusive-Urlaub, sie degradierten die Griechen zu Servierkräften und plünderten die Seele eines jeden Orts.“ Die Seefahrer wollen sich nicht mit diesen Menschen gemein machen, bleiben…
Was für ein einladendes Buch! Allein schon die Aufmachung macht Lust aufs Gipfelglück, das Monika Hoeksema im gleichnamigen, schön illustrierten Büchlein beschwört. Für die Autorin ist eine Bergtour nichts weniger als eine Kraftquelle, die Möglichkeit, Abstand von der Welt zu gewinnen, von den Alltags-Wehwehchen. Unterschätzte Bergsteigerinnen „Wie du entspannt und gelassen Gipfel erklimmst und dadurch deine eigene Stärke erkennst“ will Monika Hoeksema auf 140 Seiten zeigen. Dabei wendet sie sich vor allem an Bergsteigerinnen, die ihrer Erfahrung nach bis heute unterschätzt werden. Natürlich können auch Männer von ihrer Expertise und den praktischen Tipps profitieren. Rückschläge möglich In kurzen Kapiteln zeigt die Bergliebhaberin den Weg vom Traum zur Realisierung, von der Couch bis zum ersten Dreitausender. Dabei verspricht sie nicht zu viel, schließlich sind Rückschläge bei Bergtouren immer möglich. Da kann das Wetter einen Strich durch die Planung machen. Es kann auch sein, dass frau sich der falschen Gruppe angeschlossen oder sich einfach überschätzt hat. Gipfelglück Nichts davon ist freilich ein Grund aufzugeben, meint Monika Hoeksema. Zu verlockend ist das Ziel: „Du hast es geschafft! Du bist an einem Punkt, der si sphäre der Götter mit der irdischen verbindet: auf dem Gipfel… Vielleicht hast du dich gefragt, warum du dir das…
Der Titel ist eher irreführend, denn eigentlich beginnt Bernadette Olderdissen in ihrem Buch mit der tiefsten Nacht und nicht mit dem ewigen Sommer. Wie auch immer, die Reisejournalistin hat sich in Lappland und seine Bewohner verliebt. So sehr, dass sie den abgelegenen Norden zur zweiten Heimat erkoren hat. Eisbad und Blutpfannkuchen In ihrem Buch nimmt sie die Lesenden mit zu den indigenen Samen, zu Rentierzüchtern, Fischern und Jägern und lässt sie teilhaben an den Bräuchen und Festen. Um das alles intensiv mitzuerleben, hat sich Bernadette Olderdissen einiges zugemutet, hat sich durch tiefsten Schnee gequält und sogar in eine Eisbad gewagt. Sie hat Fische selbst ausgenommen und Blutpfannkuchen verspeist. Und dabei viel gelernt: „Mein Lapplandjahr beweist mir immer wieder, dass ich mich an fast alles gewöhne. An ein Haus ohne fließendes Wasser. An ewige Nacht und ewigen Tag. An Rentierblut und -organspeisen.“ Schnee und Nordlichter Die Hamburgerin ist wild entschlossen, nichts auszulassen. „Ich bin hier um zu lernen.“ Von Anfang an hat sie sich in den schwedischen Norden verliebt, in die mystische Dunkelheit, den märchenhaften Sternenhimmel, die Nordlichter, die Verzauberung durch den Schnee. Ihre Geschichte erzählt sie entlang der acht Jahreszeiten der Samen. Die eigenen Grenzen Da ist viel Platz für…
Für Blandine Pluchet sind die Berge „die letzten unberührten Inseln in unseren modernen Gesellschaften“. In ihrem Buch lädt sie die Lesenden zu einer Wanderung ein, bei der es um nicht weniger als um die Entdeckung der Weltgesetze geht. Die studierte Physikerin sieht die Berge nicht nur dort, wo man sie erwartet. Sie entdeckt Spuren verschwundener Gipfel auch in ganz unspektakulären Landschaften. Und dann sind die Berge für sie auch ein Fenster zum Kosmos. Versuchslabor für Wetterphänomene Zur Höhenforschung – die Berge funktionieren oft als Frühwarnsystem für Klimaveränderungen – geht es ins Schneefernerhaus auf der Zugspitze, wo ähnliche klimatische Verhältnisse herrschen wie in der Arktis und die Luft klar ist, frei von Feuchtigkeit und Staub. Hier bekomme man einen anderen Blick auf die Welt, sagt einer der Forscher. Seine Besucherin lernt, dass das Gebirge ein „regelrechtes Versuchslabor für Wetterphänomene“ ist, wo sich sämtliche Wolkenformen beobachten lassen. Das Gebirge leidet Der größere Wasserdampfgehalt der Atmosphäre, erfährt Blandine Pluchet, führt nicht nur dazu, dass sich mehr Wolken bilden, er erhöht auch die Wahrscheinlichkeit extremer Wetterereignisse. Und das Abschmelzen der Gletscher hat nicht nur für die Bergwelt katastrophale Folgen. Denn die alpinen Gletscher sind auch ein europäisches Wasserreservoir und die Gebirge die Hüter des…
Da ist er wieder, der geniale Erzähler Rafik Schami, ein würdiger Erbe orientalischer Geschichtenerzähler. So ein Hakawati steht auch im Zentrum von Schamis neuem Roman „Wenn du erzählst, erblüht die Wüste“. Es ist wieder ein dickes Buch geworden aber weniger ein Roman als eine Geschichtensammlung. Ein bisschen 1001 Nacht Die Rahmenhandlung ist eher dürftig und erinnert ein bisschen an 1001 Nacht: Jasmin, die Tochter des Königs ist verliebt in einen Fischer und ahnt, dass die Beziehung unpassend ist. Weil sie keine Hoffnung sieht, erkrankt sie und kein Arzt weiß Rat. Da kommt Karam, der Hakawati, und bietet seine Hilfe an. Heilen will er die lebensmüde Prinzessin mit Hilfe von Geschichten. Nicht nur den eigenen, möglichst viele sollen erzählen. Zehn Nächte und ein gutes Ende Und so strömen die Untertanen in die große Halle, wo der König, die Prinzessin und ihre Zofe Nura den Geschichten lauschen. Zehn Nächte braucht Karam, um Jasmin ihre Lebenslust zurückzugeben – und sie mit ihrem Liebsten zu vereinen. Während dieser Zeit entspinnt sich auch eine Liebesgeschichte zwischen dem Witwer und der smarten Zofe Nura sowie zwischen Karams Tante Samia und dem Bettler Nader. Ein Ende wie es sich für ein Märchen gehört. Dramatische Vorgeschichte Die Vorgeschichte…
Es ist schon ein ziemlich ambitioniertes Unterfangen, die ganze Welt in ein dickes Reisebuch packen zu wollen. Und natürlich fallen dann trotz der 620 Seiten die 800 Ideen und Reisetipps ziemlich kurz aus. Aber lonely planet macht‘s möglich und präsentiert zu kompakten Texten auch noch den CO²-Verbrauch der Reise. Da fühlen sich vielleicht einige ermuntert, auf Bus, Bahn oder Fähre umzusteigen oder gleich aufs Rad. Mit Fähre, Zug und Bus Wie wär‘s also damit, die Azoren mit Flieger und Fähre zu entdecken, mit dem Zug von Athen über Thessaloniki und Sofia nach Istanbul zu reisen oder entlang der Cote d‘Azur? Auch in Deutschland empfehlen die Autoren den Zug, zum Beispiel, um von Berlin nach Köln zu fahren und nebenher gleich noch Leipzig, Weimar, Frankfurt und Bonn mitzunehmen – wenn denn alles klappt. Das ist bei der Deutschen Bahn gar nicht so sicher. Anders als etwa in Japan, wo der Shinkansen zuverlässig unterwegs ist. Ob die Verbindungen bei der „epischen Zugreise“ von Bangkok nach Singapur ebenso zuverlässig sind, steht in den Sternen. Man erfährt zwar, wo man den Zug besteigt, wo man umsteigt und wie oft und wie lange die Züge fahren, aber um die Reise zu verwirklichen, muss man wohl…
Out there (dort draußen) wollen Julia und Lisa Hermes eine bessere Welt finden. Per Anhalter, mit dem Kanu, zu Fuß und mit dem Rad machen sie sich auf die Suche nach gelebten Utopien. Vier Jahre lang sind die Schwestern unterwegs – ohne Flugzeug. Sie besuchen Aussteiger-Communities, Widerstandsnester, Gemeinschaften, die alternative Lebensentwürfe testen. Nicht ganz ungefährlich Das ist nicht immer komfortabel und hin und wieder auch nicht ganz ungefährlich. Vor allem anfangs werden sie manchmal mit Misstrauen konfrontiert, auf dem Segelboot schlägt die Seekrankheit zu, und manche Utopie ist schneller gescheitert als sie verwirklicht werden konnte. Das liegt nicht immer an den Protagonisten, oft ist das Umfeld den Neuen und dem Neuen gegenüber feindlich gesinnt. Nicht so Julia und Lisa Hermes, die alles begierig aufsaugen, was nach besserer Welt klingt. Den Warnungen getrotzt Dabei lassen sich die Schwestern auch von gut gemeinten Warnungen nicht von ihren Plänen abbringen: „In Las Palmas wurden wir vor den Menschen auf Kap Verde gewarnt. Vom Auswärtigen Amt wurden wir vor Chalotteville gewarnt. In Tobago wurden wir vor den Kriminellen in Trinidad gewarnt. In Trinidad wurden wir vor der Gefahr in Venezuela gewarnt. Und in Venezuela wurde uns davon abgeraten, in Kolumbien zu trampen, weil es…