Großstadtrausch in Istanbul
Reisebücher , Rezensionen / 15. Mai 2024

Natürlich kennt er Istanbul. Schließlich ist Erol Sander in der türkischen Metropole geboren und für die Krimireihe „Mordkommission Istanbul“ immer wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Man darf sich ihm also getrost anvertrauen, wenn er verspricht, die Lesenden „durch die geheimen Ecken dieser mystischen Stadt“ zu führen. Ein einziges Abenteuer Auch für ihn sei Istanbul noch immer „ein einziges Abenteuer“ schreibt Sander. Durch die Straßen zu bummeln sei für ihn immer „wie ein Gefühl aus 1001 Nacht und purem Großstadtrausch“. Die Fotos, bunt und eher grobkörnig, viele vom Amateurfotografen Sander selbst, unterstreichen die geheimnisvolle Anziehungskraft der Stadt am Bosporus, die nicht nur eine lange Geschichte hinter sich hat, sondern auch mit ihre vielfältigen Gegenwart berauscht. Durch Zeit und Raum Dazu gehören natürlich auch die leiblichen Genüsse, von denen sich der Schauspieler gern verführen lässt. Dazu gehören auch die Katzen, die von Istanbuls Einwohnern so liebevoll gepflegt werden. Und dazu gehören all die Kirchen, Moscheen, die Paläste, Festungen und Brücken, von denen Sander auf seiner Wanderung „durch Zeit und Raum“ erzählt. Inspirierende Moderne Auch die Moderne inspiriert ihn: Die vielen Wolkenkratzer (einer gar mit Golfplatz in 163 Metern Höhe). Die hochmoderne Şakirin-Moschee auf der asiatischen Seite in Üskudar mit ihrem stilvollen Inneren,…

Glücklich im Draußen
Reisebücher , Rezensionen / 7. Mai 2024

Christo Foerster lebt am liebsten draußen, weil er das am besten findet. Dazu muss er nicht einmal weit reisen. Viele Möglichkeiten findet der Begründer der Mikroabenteuer-Idee vor der Haustür. In seinem neuen Buch „Am besten Draußen“ will Foerster seine Mitmenschen davon überzeugen, dass Draußensein nicht nur gesünder ist, sondern auch glücklich macht. Dabei schreibt er nicht nur über seine persönlichen Erlebnisse etwa bei seiner Tour von der Zugspitze bis nach Sylt, oder über Untersuchungen, die seine Idee bestätigen, er gibt auch Tipps, wie sich Draußensein am besten in den Alltag integrieren lässt. Verlassen der Komfortzone Kein Wunder also, dass Christo Foerster auch für eine Draußen-Schule, einen Draußen-Kindergarten plädiert, um schon Kindern die Bedeutung von Naturkontakten zu vermitteln. Dafür fordert er mehr „Achtsamkeit“, was er auch als mehr Aufmerksamkeit für das eigene Selbst interpretiert. Dabei helfe das Draußensein – auch in extremer Form wie beim Eisbaden -,  das Verlassen der Komfortzone. Mehr Nähe zur Natur Längst ist Foerster nicht mehr allein mit seinem Plädoyer für Mikroabenteuer und Nähe zur Natur. In seinem Buch stellt er Menschen vor, die auf ihre Weise im Draußen glücklich sind: Ein Ehepaar, das kurzerhand das Schlafzimmer nach Draußen verlegt hat – auch im Winter; einen Abenteurer,…

Gücksgefühle in Gartenlandschaften
Reisebücher , Rezensionen / 2. Mai 2024

„Gärten machen glücklich“, das ist das Motto dieses anregenden Bildbandes, der in die Gärten der Welt führt und 60 ganz besondere Orte vorstellt. Mit der Reihe „Happy Places“ will Lonely Planet Reisende dazu einladen, sich von außergewöhnlichen Orten verzaubern zu lassen. Und schöne Gärten sind ganz gewiss Orte, die Glücksgefühle jenseits des Alltags versprechen. Klostergärten etwa, Botanische Gärten aber auch Naturschutzgebiete, Friedhöfe und künstlerische Parks. Verzauberung und Exzentrik Der Jardin Majorelle zum Beispiel, geschaffen vom französischen Künstler Jacques Majorelle in Marrakesch und später von Yves Saint Laurent gepflegt – eine üppige, farbgesättigte Oase mit einem sanft plätschernden Brunnen und einem Seerosen-Teich inmitten einer trockenen Landschaft. Oder – weltberühmt – Monets Garten in Giverny. Für den Künstler eine Quelle der Inspiration, für die Besucher ein Ort der Verzauberung. Viel exzentrischer ist Brief Garden auf Sri Lanka, den Bewis Bawa, der ältere Bruders von Sri Lankas Stararchitekt Geoffry Bawa, auf der Kautschukplantage der Familie verwirklicht hat. Eine künstlerische Spielwiese mit seltsamen Skulpturen, grotesken Masken und viel Wasser. Wasser und Wüste Wasser ist ein wichtiges Gestaltungselement in Gärten. Besonders schön sind die Springbrunnen im Renaissance-Garten der Villa d‘Este in Tivoli bei Rom mit den Wasserspielen und magischen Spiegelungen. Aber auch eine Wüstenlandschaft kann…

Einblick ins Monster Universum
Reisebücher , Rezensionen / 23. April 2024

Sandra Schulz hat ihre Erfahrungen mit Wohnmobilreisen schon in Spiegel-Kolumnen verarbeitet. Jetzt also auch ein Buch über die Monster Touren mit netten Tipps für Nachahmer und viel Selbst-Ironie. Übers Leben lernen Beim Campen, findet die Autorin in der Einleitung, „kann man viel übers Leben lernen… Man lernt auszuhalten, dass zusammenkommt, was nicht zusammenpasst: die Sehnsucht nach Freiheit und die Nähe zum Stellplatznachbarn, das Bedürfnis nach Privatsphäre und die Öffentlichkeit des Intimen, der Wunsch nach Individualität und die Gesetze der Tourismusindustrie, der Drang nach Originalität und das Diktat der Massenware. Und vielleicht der krasseste Widerspruch: das Bedürfnis nach Erholung und der Urlaub mit der Familie.“ „Bezaubernde Widrigkeiten“ Das gilt insbesondere für ihre Familie, denn die dritte im Bund ist das Töchterchen mit Down-Syndrom. Die Kleine sorgt für „Tage voller bezaubernder Widrigkeiten“ und die beschreibt Sandra Schulz umwerfend ehrlich und mit kaum nachlassendem Humor. Da tut es dann auch der Liebe zum fahrbaren Monster keinen Abbruch,  wenn an einem Weihnachtsabend „alle mit heiligem Zorn ins Bett“ gehen. Am nächsten Tag ist sowieso alles wieder anders. Es macht auch nichts, wenn eine nahe Jauchegrube beim Campingplatz für dicke Luft sorgt oder wenn die Nachbarin grenzüberschreitend ihre Markise ausfährt. Übung in Toleranz Das Camperdasein…

Wunschstein und Liebesschloss
Reisebücher , Rezensionen / 16. April 2024

Irland ist für viele Sehnsuchtsziel. Wie einst Heinrich Böll haben sie auf der grünen Insel ihr Glück gefunden. Wer noch auf der Suche ist, bekommt Hilfe von der Reisebuchautorin Cornelia Lohs. 80 „Glücksorte in Irland“ verspricht sie und gerät schon beim Vorwort ins Schwärmen. Glück an der Westküste Wer ihr durch die 167 Buchseiten folgt, wird mit Sicherheit fündig, wenn auch vor allem an der Westküste. Hier hat  Cornelia Lohs nicht nur grandiose Landschaften erkundet, sie hat auch magische Plätze gefunden, sich in die irische Sagenwelt vertieft und in die Kunstwelt der Moderne. Sie hat himmlische Aussichten genossen und irdische Genüsse. Sie ist in der City gepaddelt, im Park geradelt und hat im Doppeldecker-Bus Sightseeing mit Tee und Scones ausprobiert. Liebesschloss Kylemore Abbey Es gibt viel zu sehen und zu erleben auf der grünen Insel und damit auch viele Möglichkeiten, glücklich zu sein. Vielleicht ganz besonders beim „Schloss der Liebe“, Kylemore Abbey in Connemara. Ja, auch Irland hat so etwas wie das indische Taj Mahal. Auch Kylemore erinnert an eine unsterbliche Liebe, wie Lohs schreibt: Der Arzt Mitchell Henry hatte für seine geliebte Frau Margaret das 50-Zimmer-Schloss errichten lassen. Als die neunfache Mutter mit nur 45 Jahren bei einer Ägypten-Reise…

Teppichklopfer und Gemüsebürste
Reisebücher , Rezensionen / 9. April 2024

Doris Dörrie ist viel unterwegs – und immer bringt sie von ihren Reisen etwas mit nach Hause. Darüber schreibt die Filmregisseurin in dem Buch Die Reisgöttin und andere Mitbringsel . Sie muss schon eine ganze Souvenir-Sammlung haben mit vielen seltsamen Fundstücken – eine Gemüsebürste aus dem japanischen Kyoto, eine Strandglassammlung, das Modell eines menschlichen Gehirns aus dem Iran, eine Bachmuschel aus dem Allgäu und, ja auch das, einen Teppichklopfer aus einem Abbruchhaus. Die Reisgöttin und das Risotto Zur Feuerwehrmütze aus Tokio gibt‘s die Geschichte einer Katastrophe mit dazu. Und die balinesische Reisgöttin, die im Titel des Buches steht, darf im heimischen Haushalt über das Risotto Milanese wachen. Aber nicht alle Mitbringsel fühlen sich wohl in Dörries Zuhause. Der mexikanische Kaktus zum Beispiel, den sie in einer Plastiktüte mitgebracht hatte, „sieht sehr traurig aus seinem Topf auf die permanent verregnete Straße und sehnt sich nicht nur nach Sonne und dem mexikanischen Himmel, sondern wahrscheinlich auch nach der richtigen Musik“. Borotalco gegen Flecken Man erfährt so einiges über die Autorin, die sich in diesen kurzen Notizen nicht nur durch ihre Reisen, sondern auch durch ihr Leben pirscht. Dass sie schon als Kind eine rege Fantasie hatte. Dass sie in Italien Borotalco als…

Wege ins Innere
Reisebücher , Rezensionen / 2. April 2024

Zur Osterzeit von München an den Bodensee: Die 14 Tage lange Wanderung auf dem Münchner Jakobsweg ist der Einstieg zu zwölf Pilgertouren in den Alpen. Ein relativ leichter Einstieg mit bekannten Zielen wie dem Kloster Andechs, dem heiligen Berg, oder der Wieskirche und dem Pfänder. Pilgern in den Alpen Pilgern ist ein Zustand, davon ist Sandra Freudenberg überzeugt. Mit ihrem Buch „Hoch und Heilig“ lädt sie zum Pilgern in den Alpen ein. Die fast meditativen Fotos dazu stammen von Stefan Rosenboom, der die Autorin auf einigen der Pilgerwege begleitet hat. Druidin und Wildschütz Zwölf besondere Pilgerwege stellen die beiden vor – in Bayern, Österreich, Südtirol und in der Schweiz, und Sandra Freundenberg erzählt dazu Sagen und Legenden. Oft stehen die christlichen Kapellen und Kirchen auf uralten Kultstätten. Im mystischen Mühltal etwa kennt die Autorin das Grab eine Druidin, das von Frauenkreisen geschmückt wird. Und manchmal wird bei den Wallfahrten nicht nur der Heiligen gedacht, sondern auch legendärer Wilderer wie des Wildschützen Jennerwein. Seelenlandschaft… Für den einen Weg reichen einige Stunden, für andere muss man sich mehrere Tage, gar Wochen, Zeit nehmen. Die einen führen tatsächlich ganz hoch hinauf wie der höchstgelegene Kreuzweg am Großvenediger. Andere begnügen sich mit mittleren Höhen,…

Meditatives Strandsammeln
Reisebücher , Rezensionen / 25. März 2024

Die Strandsammlerin ist Sally Huband und so heißt auch ihr Buch, in dem sie über ihr Leben auf den Shetland-Inseln erzählt. Nach ihrer Heirat und der Geburt ihrer zwei Kinder hat Sally nach einem neuen Lebensinhalt gesucht. Die Arbeit bei einer Naturschutzbehörde hatte sie aufgeben müssen. Aber nur Mutter zu sein befriedigte die engagierte Naturschützerin und überzeugte Feministin nicht. Eine dicke Schicht Plastikmüll So entdeckt sie das „Beachcombing“, das Strandsammeln. Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Strände zu sammeln, also zu besuchen, sondern darum, was man an den Stränden findet. Vor allem Plastik, das muss auch Sally erkennen: „Ein Ende des Strandes war mit einer dicken Schicht von angespültem Plastikmüll bedeckt“, schreibt sie: „Ich fand das abstoßend, aber Martin marschierte direkt auf den Müll zu und bückte sich, um einen gebogenen Plastikstreifen aufzuheben, auf den ein Code gedruckt war – damit wurden Hummerfallen aus Neufundland oder Labrador gekennzeichnet, wie er mir erklärte.“ Martin Heubeck koordinierte die Registrierung der gestrandeten toten Vögel, die meist an Plastik elendiglich zugrunde gingen – und Sally findet eine neue Aufgabe. Die sagenhafte Seebohne Doch an den Stränden entdeckt sie nicht nur Unmengen von Plastik, sondern auch Schätze aus der Natur wie Treibsamen. Sally, die…

Lust auf Europa
Reisebücher , Rezensionen / 20. März 2024

Man muss nicht den Kontinent verlassen, um Neues zu entdecken und viel zu erleben. Das bestätigt auch Lonely Planet mit „Die besten Kurztrips durch Europa“. Denn Europa ist vielfältig – zwischen Süd und Nord, zwischen Ost und West gibt es nicht nur 47 Staaten mit höchst unterschiedlicher Geschichte und Kultur, es gibt quirlige Städte und einsame Landschaften, Berge und Seen, Meere und Inseln. Viel zu viel für 330 Seiten. Da mussten die – französischen – Autorinnen und Autoren eine enge Auswahl treffen. Aber warum weder französische noch deutsche Ziele in dem Buch zu finden sind, erklärt das nicht. Quer durch den Kontinent Der Süden Europas wird bestimmt von Spanien, Portugal, Italien, Dalmatien und Griechenland. Auch ein paar Inseln sind dabei – und Istanbul, die Stadt auf zwei Kontinenten. Im Kapitel „Der Westen“ versammeln sich Belgien, die Niederlande, Luxemburg und – warum auch immer – die Schweiz. In der Mitte findet man dagegen Polen, die Slowakei, Slowenien, Rumänien, Bulgarien und – Überraschung! – Österreich.  Eher erwartbar sind die Ziele im Norden: England, Schottland, Irland, natürlich auch Schweden, Norwegen, Finnland, Island und die baltischen Staaten. Besonderheiten und praktische Tipps Soviel zur Geographie-Einteilung. Alle 75 Kurztrips haben ihre Besonderheiten und sind mit praktischen…

Futter fürs Fernweh
Reisebücher , Rezensionen / 29. Februar 2024

Helge Sobik ist weit gereist und welterfahren. Das spürt man in jeder Zeile seiner poetischen Reise-Miniaturen. Auch wenn man den Titel „Gestrandet“ nicht ganz so wörtlich nehmen sollte. Denn Sobik hat seine Aufenthalte oft genug auch freiwillig verlängert, weil es einfach so schön war vor Ort, weil der Abschied zu schwer fiel. Und es sind auch nicht immer nur Strände, an denen diese modernen Robinsonaden spielen. Städte sind ebenso darunter wie Wüsten, Berge und Flusslandschaften. Überall Außergewöhnliches Kein Kontinent, den Helge Sobik nicht bereist hat und kein Ort, dem er nicht Geheimnisvolles, Außergewöhnliches entlocken konnte. Wer noch Futter fürs Fernweh braucht, hier findet er es. Denn wer wäre nicht gern dabei, wenn auf Djerba die Nacht Klänge, Gerüche und Geschmack hat oder beim schönsten Sonnenuntergang auf der griechischen Insel Folegandros? Wer würde nicht gern erfahren, warum das Grau des venezianischen Winters etwas „Endzeitlich-Unwirkliches“ hat? Genuss ohne Zeitlimit Und doch bleiben viele der schönsten Erfahrungen den meisten Reisenden verwehrt. Helge Sobik weiß auch, warum. Weil viele Umwege scheuen, weil sie Angst vor dem Unbekannten haben oder weil sie – wie in Tunis – „Tausendundeine Nacht nur am Tage suchen“.  Er weiß auch, wie wichtig es ist, den deutschen Zeitbegriff auf Reisen…