Der verstummte Sänger
Rezensionen / 27. April 2019

Mit der Melodie „Ein Lied geht um die Welt“ wurde der kleinwüchsige Tenor Joseph Schmidt endgültig zum Liebling der Deutschen. Und doch war seiner Karriere ein baldiges Ende beschieden, geriet der Sänger in Vergessenheit. Denn Joseph Schmidt war Jude. Der Mann, der noch 1937 in der Carnegie Hall aufgetreten war, dessen Stimme Millionen rührte, war in Nazideutschland unerwünscht. Keine Gegenwart ohne Vergangenheit Heimatlos wie so viele andere irrte er durch Europa und hoffte auf Asyl in der Schweiz. Aber auch bei den Eidgenossen war der jüdische Emigrant unerwünscht. Schon schwer krank wurde er ins Internierungslager Girenbad überwiesen, wo er an einer Herzschwäche starb. Lukas Hartmann holt den vergessenen Tenor mit seinem Roman „Der Sänger“ ins Rampenlicht – zu einer Zeit, in der wieder einmal über die Beschränkung der Flüchtlingszahlen diskutiert wird und über die Opfer, die der Bevölkerung angesichts der Menge der Immigranten aufgebürdet werden. Der Schweizer Autor, der in seinen Romanen immer wieder zeigt, dass die Gegenwart ohne Vergangenheit nicht denkbar ist, geht dabei mit seinem Heimatland, das sich in der Rückschau selbstgerecht als Bastion der Demokratie feiert, ins Gericht. Nationaler Egoismus verstellte den Blick auf das Elend der Emigranten, man verschloss die Augen vor der Tragödie vor der…

Irrungen und Wirrungen
Rezensionen / 16. April 2019

Wer lieber unter die Leute geht, sollte die Finger von diesem Roman  von Joel Dicker lassen.  Sein neues Buch „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ entwickelt auf 667 Seiten einen Sog, der dazu führt, dass man am liebsten gar nicht mehr aus dem Haus gehen möchte, um das Buch nicht aus der Hand legen zu müssen. Dabei ist der hochspannende Roman nur mehr halb so dick wie die Erstfassung. Aber eben immer noch dick genug. Ein Mordfall vor 20 Jahren Und natürlich ist der Titel gebenden Stephanie Mailer kein langes Leben beschieden. Die Journalistin, die in New York bei einem Literaturblatt gearbeitet hatte und nach ihrer Kündigung in der Lokalzeitung des malerischen Örtchens Orphea eine Anstellung fand, hat wohl bei den Recherchen für ein geplantes Buch zu tief geschürft. Es ging ihr um einen Mordfall von vor 20 Jahren, dem nicht nur die Familie des damaligen Bürgermeisters sondern auch eine Joggerin zum Opfer fielen. Die mit dem Fall betrauten Polizisten Jesse Rosenbaum und Derek Scott scheinen bei der Aufklärung erfolgreich gewesen zu sein. Der des Mordes Verdächtige kommt bei der Flucht vor der Polizei ums Leben. Doch Stephanie Mailer findet Hinweise darauf, dass er unschuldig war. Das kostet sie das Leben…

Drei kleine Schweinchen dreisprachig
Rezensionen / 16. April 2019

Mit den Osterferien hat die Zeit begonnen, in der vor allem Familien unterwegs sind. Wenn Eltern und Kinder gemeinsam verreisen, müssen unterschiedliche Wünsche berücksichtigt werden. Vor allem soll es nicht langweilig werden im Urlaub. Wie wäre es da mit einem Bilderbuch, das in drei Sprachen die Geschichte von den drei kleinen Schweinchen erzählt, die dem Wolf ein Schnippchen schlagen? Klassiker mit einfacher Sprachstruktur Der Klassiker ist einfach strukturiert, auch für kleine Kinder schon verständlich. Einfach ist auch die Sprache. Das hilft beim Verständnis auch der beiden Fremdsprachen, und es macht Spaß, abwechselnd den deutschen und den englischen oder den spanischen Text zu lesen. Allerdings sollte der (Vor)Lesende zumindest Grundlagen der Fremdsprache haben und ohne Lautsprache die Texte lesen können. Liebevoll ins Szene gesetzt Die in Augsburg geborene Illustratorin Regina Mayr hat das klassische Tiermärchen, das David Fermer neu erzählt hat, liebevoll in Szene gesetzt. So können auch kleine Kinder die Geschichte verstehen – dann halt auf Deutsch. Der Verlag Amiguitos hat das Buch in verschiedenen Varianten herausgegeben. Die dritte Sprache kann auch Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Polnisch oder Russisch sein. Info: David Fermer /Regina Mayr. Die Geschichte von den drei kleinen Schweinchen, Amiguitos, 52 S., 18 Euro

Das alte Haus im Wedding
Rezensionen / 16. April 2019

Es ist ein altes Haus, dem der baldige Abbruch droht. Vor 120 Jahren wurde das Haus in der Utrechter Straße im Berliner Wedding gebaut. In dieser Zeit hat es viel erlebt, und davon berichtet es gleich zu Anfang des neuen Romans von Regina Scheer „Gott wohnt im Wedding“.  Auch in mehreren Zwischenkapiteln kommt das Haus zu Wort, liefert sozusagen eine Gesamtschau der Schicksale, deren verästelte Lebenslinien Regina Scheer nachzeichnet. Das Haus verbindet die alten und die neuen Schicksale Da ist Leo Lehmann, der mit seiner Enkelin Nira aus Israel gekommen ist, um das Erbe seiner Familie zu regeln, und der zufällig das Haus wieder entdeckt, das schicksalhaft mit seinem Überleben verbunden war. Und da ist die alte Gertrud, die im Haus geboren wurde und die dem jungen Leo und seinem Freund Manfred beim Untertauchen half – und aufflog. Mit Manfred starb die Liebe ihres Lebens. Gertrud soll ausziehen wie alle anderen im Haus, das ein Investor gekauft hat und „entmieten“ will. Hätte sie nicht Laila, die kluge und hilfsbereite Sintiza, oder Stephan, den Studenten aus der WG, wäre sie ganz vereinsamt. Aber das Haus verbindet die alten und die neuen Schicksale, die Juden und die Sintis, die Jungen und die Alten….

Der Misanthrop als Romantiker
Rezensionen / 1. April 2019

Verblüffend, wie Michel Houellebecq immer wieder aktuelle Entwicklungen vorwegnimmt. Auch für seinen neuen Roman  Serotonin  werden ihm fast prophetische Fähigkeiten attestiert, weil er im zweiten Teil so etwas wie die Bewegung der Gelbwesten skizziert habe. Doch dem „Miesepeter der französischen Literatur“ geht es eigentlich um etwas ganz anderes, um das Gefühl einer seelischen Verarmung, um totale Entfremdung und gesellschaftliche Kälte. „Ist so das Leben der Menschen?“ fragt sein Protagonist Florent-Claude Labrouste einmal, als er die Vereinsamung seiner großen Liebe beobachtet. Gescheitert und desillusioniert Dieser Mittvierziger, den sein Schöpfer als alten Mann bezeichnet, ist auf der ganzen Linie gescheitert – desillusioniert in der Liebe wie im Beruf als landwirtschaftlicher Berater, ein Misanthrop am Rande der Selbstzerstörung. Von seiner letzten Partnerin, der Japanerin Yuzu, für die er nur Verachtung kennt, hat er sich getrennt, nachdem er auf ihrem Computer ein Video gefunden hat, das sie beim Sex mit Hunden zeigt. Die Ausgangsbasis liefert Houellebecq reichlich Munition für die üblichen Frauen verachtenden Tiraden – geile Schnitten treffen da auf welke Fleischsäcke – , sexuellen Abschweifungen und ausführliches EU-Bashing. All das kennen Houellebecq-Leser zur Genüge – und es wäre auch nicht der Rede wert, wenn es nicht einen zweiten Teil gäbe. Rückkehr in die Vergangenheit…

In den Wohnzimmern von China
Rezensionen / 1. April 2019

„So chinesisch hatte ich mir China nicht vorgestellt,“ schreibt Stephan Orth, nachdem er bei einer Familie eingeladen war – zum Hund-Essen. Der Journalist ist mal wieder als Couchsurfer unterwegs gewesen. Das kann er inzwischen richtig gut, weil er weiß, wo er interessante Leute trifft und wo es wirklich was zu erzählen gibt. Denn Orth reist nicht im Selfie-Modus, dafür ist er viel zu sehr Journalist. Er reist mit offenen Augen und Ohren und einem Gespür für Willkür und Ungerechtigkeit. Zwangsbeglückung in Kashgar In Kashgar etwa erfährt er von einer Perversion seiner Art zu reisen: „Staatlich angeordnet kommen Propagandisten und potenzielle Denunzianten ins eigene Haus,“ notiert Stephan Orth über die Zwangsbeglückung der Uiguren durch den Hausbesuch von Han-Chinesen, und stellt ironisch fest: „Da haben die Leute bestimmt eine Superzeit zusammen.“ Die lückenlose Überwachung scheint dem Globetrotter nicht nur in der Heimat der Uiguren beängstigend. Auch sonst erfährt er immer wieder von Einschränkungen und Einschüchterungen. Pressefreiheit existiert nicht, da liegt China auf Platz 176 von 180 Ländern, noch 30 Plätze hinter Russland. Hyper-moderne Städte, abgelegene Dörfer Doch die Diktatur kann auch Erfolge vorweisen: China ist hyper-modern, manche Städte sehen aus wie in einem Science-Fiction-Film. Für Altes dagegen hat man wenig Sinn, es…

Die Suche nach dem Kick
Rezensionen / 29. März 2019

Robin ist 15, ein durchschnittlicher Junge, unauffällig bis zur Unsichtbarkeit, ein Einzelgänger. Unglücklich.  „Gott schuf seine Welt an sechs Tagen. Es dauerte eine Nach, die meine zu zerstören. Meine behütete Kindheit war Bruch und Schutt,“ lässt Antje Herden ihren Anti-Helden berichten. Und dann tritt Leo in sein Leben. Leo, der sich um nichts schert, der cool ist und „keine halben Sachen“ macht. Er verführt Robin zum Kiffen, Saufen und dazu, Nächte lang durchzufeiern. Da kann Nils’ Mutter sagen, was sie will. Robin hört nur mehr auf seinen Freund: „DAS war es also. Das gute Leben, Indem alles stimmte. Das ich im Griff hatte. In dem ich wichtig und mein eigener Superheld war. Schön. Stark. Klug. Selbstbewusst.“ Zuerst der Freund,  dann das Mädchen Er ist das Du, dem er alles erzählt – bis er Karla trifft, für ihn das schönste Mädchen der Welt, und ihre Freundin Anna. Schnell verfällt Robin Karla, bald kennt er nichts mehr außer ihr: „Später tanzten wir. Irgendwo mitten im Wald. Ewig. Dazwischen Küsse. Ich liebte. Karla. Den Wald. Die Beats. Die anderen. Ich wollte sie alle umarmen. Aber ich umarmte nur Karla. Denn sie war die Welt.“ Und als das Mädchen nach dem ganz großen Kick…

Europäische Skizzen
Rezensionen / 29. März 2019

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er viel erzählen,“ weiß der Volksmund. Der Journalist und Autor Eberhard Neubronner hat sich die Weisheit zu Herzen genommen und erzählt in dem Buch „Die Insel Farewell“ zehn Geschichten von seinen Reisen. Dabei erweist sich Neubronner als aufmerksamer und neugieriger Reisender, der gern mit den Menschen ins Gespräch kommt. Und er ist Journalist genug, um die Dinge nicht unhinterfragt zu übernehmen. Reisen in die Geschichte Wo nötig, liefert er den geschichtlichen Hintergrund zu den Erzählungen der Menschen, die er getroffen hat. Die Leser reisen mit Eberhard Neubronner in den hohen Norden, in die sturmumtosten Orkney-Inseln, sie wandern mit ihm über die schottischen Highlands, schippern entlang der bretonischen Küste, machen sich mit Oma Else auf Spurensuche im heutigen Kaliningrad. Und immer wieder stoßen sie auf deutsche Geschichte, auf das, was übrig blieb von der Hybris des „Dritten Reichs“, auf Erinnerungen an die Bomber des Zweiten Weltkriegs und das Grauen des Holocaust.  Eberhard Neubronner schreibt über das traurige Ende einer Insel-Utopie und über die dem Untergang geweihten Frachtschiffe auf Frankreichs Flüssen. Ehrliche Auskünfte und echte Geschichten Er ist einer, der weiß, dass man die Gegenwart nicht ohne die Vergangenheit verstehen kann und er ist einer,…

Kailash: Reise in die Seele
Rezensionen / 29. März 2019

„Wohin sind die Götter verschwunden?“ fragt sich Olivier Föllmi, als er 30 Jahren nach Tibet zurückkehrt, in das Land, das ihn als jungen Mann so verzaubert hat, dass er 20 Jahre lang fotografierend durch den Himalaya gewandert ist. Für ihn ist die Fotografie die wichtigste Stütze seiner Meditation. Und bevor er sich im von China geprägten Tibet auf Pilgerreise zum heiligen Berg Kailash begeben kann, muss er „zurück zu meinem inneren Tibet“ finden und sich in den Zustand des „Bardo“ begeben, „des Bewusstseinszustands zwischen zwei Leben“. Göttlich wirkende Landschaft Dahin werden ihm die wenigsten Leser folgen können. Aber sie werden die großartigen Aufnahmen des vielfach ausgezeichneten Fotografen lieben: Die tatsächlich göttlich wirkende Landschaft. Die Gesichter der Tibeter – alte, wettergegerbte von Falten durchzogene und junge, glatte mit offenen Augen. Die Farben der Gebetsfahnen im Wind und unter Schnee. Sie werden Föllmis Faszination für Lama Govinda, einen Deutschen, verstehen lernen, dessen Buch „Der Weg der weißen Wolken“ für die Reisen des Fotografen zur Bibel wurde. Und sie werden Föllmis Freund, den Ausnahme-Informatiker Jean-Marie Hullot kennenlernen, der ebenso wie Föllmi vom Buddhismus durchdrungen ist und mit ihm diese Pilgerreise zum Kailash unternimmt. „Straßenwalze des Fortschritts“ Auch er sieht in Lhasa „die Straßenwalze…

Hinter dem schönen Schein
Rezensionen / 4. März 2019

Das noch unveröffentlichte Manuskript hat Dolores Redondo 2016 den höchstdotierten Literaturpreis der spanischen Welt, den Premio Planeta, eingebracht. Jetzt ist der kunstvoll ge- und verwobene Krimi auf Deutsch erschienen – unter dem Titel „Alles was ich dir geben will“. Zentrale Figur ist der Schriftsteller Manuel Ortigosa, der im schönen Galicien nicht nur dem Doppelleben seines verunglückten Mannes Alvaro auf die Spur kommen will, sondern seine Erfahrungen auch zu einem Roman verarbeitet. Denn Manuel muss mit schwindenden Sicherheiten klar kommen. Alles, was er bisher geglaubt hat, stellt sich als trügerisch heraus. Falsche Fährten erhöhen die Spannung Während er zusammen mit dem griesgrämigen Ex- Polizisten Nogueira und Alvaros Freund und Beichtvater Lukas Nachforschungen zum Tod des Freundes anstellt, während er auf dem gräflichen Landsitz immer tiefer in dunkle Familiengeheimnisse vordringt, erlebt der Schriftsteller ein Wechselbad der Gefühle. Nichts ist so wie es scheint oder scheint so zu sein.  Dolores Redondo legt geschickt falsche Fährten, verwirrt mit Fehlinformationen und immer neuen Schauplätzen und bringt zum guten Ende gar Übersinnliches ins Spiel. Bis dahin gibt es weitere Tote, und Manuel lernt eine ganz neue Seite seines verstorbenen Mannes kennen. Je mehr er hinter die prächtigen Kulissen des Schlosses und seines Gartens blickt, hinter den…