Als bei Jeanne ein Tumor entdeckt wird, hätte sie sich gewünscht, dass ihr Mann sie in den Arm nimmt. Doch die erhoffte Zuwendung bleibt aus und die Buchhändlerin zieht ihre Konsequenz. Sie verlässt ihren Mann, und findet in der WG von zwei krebskranken Frauen Zuflucht. Erstaunt beobachtet Jeanne die eigenen Veränderungen, die neue Aggressivität. Schwestern im Krebs Ihre„Schwestern im Krebs“ geben ihr Halt, zeigt ihr, dass es trotz allem ein Leben gibt: „Ich war verblüfft. Frauen mit Krebs, die das Leben besangen. Weil sie keine Zeit mehr zu verlieren hatten.“ Sorj Chalandon hat sich erstaunlich gut hineingefühlt in seine Protagonistin, schonungslos beschreibt er die körperlichen und seelischen Veränderungen, die Jeanne durch ihre Krebsbehandlung erleidet. Auch dass sie gerade deshalb wilde Freude – so auch der Titel des Romans – empfinden kann: „Mein Körper war erschöpft, aber ich sog das Leben in mich ein.“ Vier Frauen und ein Überfall Diese neue Lebenslust hat sich auch der unerschütterlichen Brigitte zu verdanken, die Jeanne in ihre WG eingeladen hat, obwohl ihre Lebensgefährtin Assia dagegen war. Und dann kommt noch die zerbrechlich wirkende Melody dazu, die nicht nur in Brigitte mütterliche Gefühle weckt. Ihretwegen lassen sich Jeanne, Brigitte und Assia auf einen gewagten Überfall…
Kalmann sieht sich als Sheriff seines Dorfs im Norden von Island. Schließlich hat er einen Cowboyhut und einen Sheriffstern. Doch eigentlich ist er Experte für Gammelhai, eine isländische Spezialität. Das hat er von seinem Opa gelernt, der den Jungen großgezogen hat. Schnelldenken hat er dabei nicht gelernt, aber auf seinem Gebiet ist er ein anerkannter Fachmann. Die Sache mit der Blutlache Dann entdeckt Kalmann auf der Jagd eine Blutlache und schon steckt er mittendrin in einem Kriminalfall. Denn das Blut könnte vom unbeliebten Hotelbesitzer sein, der seit Tagen vermisst wird. Der Fall zieht Kreise. Polizisten verhören Kalmann, Journalisten wollen mehr von ihm wissen, und die litauische Mafia spielt auch eine Rolle. Und doch ist Joachim B. Schmidts Roman „Kalmann“ kein Krimi. Eine Art Lebenskünstler Denn im Mittelpunkt steht dieser Forrest Gump Islands, ein etwas tumber Kerl, der auf seine Art ein Lebenskünstler ist. Schmidt erzählt die Geschichte ganz aus der Perspektive dieses Mannes, dem seine Klassenkameraden attestierten, dass „die Räder in meinem Kopf rückwärts laufen“. Auch seiner Erzählung ist nicht immer einfach zu folgen, da purzeln die Ideen durcheinander – Klimawandel, Gletscherschmelze, Sex. Auge in Auge mit dem Eisbären So dumm sind die Gedanken gar nicht, die Kalmann in seinem…
Christine Cazon ist Deutsche und lebt in Frankreich. Für viele Deutsche ist das Land ein Traum – und erst Cannes! Die Cote d‘Azur! Für die deutsche Krimi-Autorin war beides Wunsch- und Albtraum. In ihrem Buch „Von hier bis ans Meer“ beschreibt sie fast schmerzhaft ehrlich ihren Weg aus Deutschland über die südfranzösische Provinz bis nach Cannes, wo sie mittlerweile erfolgreich Kommissar Duval ermitteln lässt. Anpassung ein Leben lang „Als Ausländerin in einem fremden Land passt man sich sein Leben lang an“, schreibt Cazon. „Ich wollte es anfangs gar nicht glauben, dass das Leben in einem europäischen Land gleich nebenan so anders funktioniert. Und dass es nicht damit getan ist, die Sprache zu lernen und irgendwann halbwegs flüssig zu sprechen. Je mehr man versteht, desto mehr versteht man nicht, sage ich immer.“ Christine Cazon ist durch eine harte Schule gegangen, hat viele Tiefs durchlitten und Enttäuschungen verarbeiten müssen, ehe sie mit ihrem – älteren – Mann zur Ruhe kommen konnte. Christine Cazon will Cannes erzählen Doch viele dieser Missverständnisse beruhten auf den unterschiedlichen Mentalitäten von Deutschen und Franzosen, auf den unterschiedlichen Gepflogenheiten. Vielleicht auch auf zu hohen Erwartungen. Cannes jedenfalls ist für Christine Cazon zunächst alles andere als das, was sie…
Deutschland ist in diesem Corona-Sommer für die Deutschen das Reiseziel Nummer eins. Auch die Mannschaft von Curves, die selbst aus Süddeutschland stammt, hat sich für ihre neuen Roadmovie-Geschichten ein Fahrtziel in der näheren Heimat ausgesucht – und war überrascht. Denn Süddeutschland, das ist alles andere als einheitlich. Vielfalt er-fahren Hier Baden-Württemberg, einstmals aufgeteilt in viele kleine Fürstentümer – was Baden und Württemberg bis heute prägt. Dort Bayern, das Land der Wittelsbacher – mit weiß-blauem Stolz. Unterschiedliche Mentalitäten, vielfältiger Gaumengenuss: Von der Schwarzwälder Kirschtorte über Spätzle und Maultaschen bis zu Weißwürsten mit süßem Senf, vom Wein zum Bier. Im dicken Bildband Curves werden nicht nur Kurven (und Landschaften) er-fahren, sondern auch landesspezifische Eigenheiten erlebt. Keine Blechlawinen auf den Fotos Die Reise führt von Baden-Baden über die Schwarzwald-Höhen bis nach Berchtesgaden. Die Straßen sind oft schmal, aussichts- und natürlich kurvenreich; sie führen durch Wälder, hinauf auf Berge, hinunter in Schluchten, über Seen und entlang von Flüssen. Aber Vorsicht: In diesen Zeiten sind sie selten so menschenleer wie auf den schönen Fotografien dieses Bandes, nichts da von „soulful driving“ auf der Schwarzwald Hochstraße oder am Tegernsee, sondern stop and go. Wer die süddeutschen Landschaften ohne Blechlawinen genießen will, muss sich derzeit mit den…
Da hat Massimo Carlotto ein ganz besonderes Trüppchen für seinen Roman „Die Frau am Dienstag“ zusammengebracht. Es sind Menschen, die in unserer Gesellschaft aus der Norm fallen: Der an Parkinson erkrankte Pornostar Bonamente, der alte Transvestit und Pensionsbesitzer Alfredo und Nana, die Prostituierte, der ein Mord zur Last gelegt wird. Freunde in der Not Nana sucht jeden Dienstag bei Bonamente sexuelle Befriedigung, mehr will sie nicht von ihm. Doch Bonamente hat sich verliebt in seine Dienstagfrau, und als sie in Not gerät, weil nicht nur die Polizei ihre Vergangenheit gegen sie verwenden will, steht er ihr bei. Ohne Wenn und Aber. Auch Alfredo will da nicht zurückstehen und überwindet sich zu einem mutigen Eingreifen – mit Folgen. Kein Recht auf Vergessen Zunächst sieht alles gut aus, fast so, als könnten Nana und ihr Gigolo im Haus von Alfredo auf gemeinsames Glück hoffen. Doch die Vergangenheit holt Nana wieder ein. Nur gut, dass sie in einem geheimnisvollen Verehrer, dem Cowboy, einen ebenso tatkräftigen wie klarsichtigen Unterstützer hat. Er verhilft seiner Freundin zur Flucht aus der Sackgasse, in die sie sich manövriert hat. Denn die Öffentlichkeit und die Polizei, davon ist der Cowboy überzeugt, gewähren Menschen wie ihr kein Recht auf Vergessen….
Cryptos ist eine friedliche Welt, eine Welt, in der alle sich auf einander verlassen können. Aber Cryptos ist nicht echt. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Ursula Poznanski schildert in ihrem Roman Cryptos eine Welt am Abgrund und nimmt dabei Bezug auf aktuelle Probleme und virtuelle Möglichkeiten. Mastermind und Weltendesigner Corona hat den Klimawandel in den Hintergrund gedrängt. Doch es lässt sich nicht übersehen, dass es wärmer und trockener wird. Das Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens, die Erderwärmung unter 1,5 Grad zu halten, scheint in weite Ferne gerückt. Wie aber geht es weiter in einer erhitzten Welt? Womöglich so, wie es Ursula Poznanski beschreibt. Da ist die Erde am Ende und ein lebenswertes Leben nur in virtuellen Welten möglich. Solchen, wie sie Jana designt, die Nachwuchshoffnung von Mastermind, der alles beherrschenden Weltfirma. Unerklärliche Todesfälle Die jungen Weltendesigner können Venedig aufleben lassen oder das London des 17. Jahrhunderts, sie können Fantasy-Welten entwickeln, Vampir- oder Wettkampf-Welten, Gruseliges und Grausames, Nostalgisches und Zauberhaftes. Als es ausgerechnet in Janas friedlichem Kerrybrook zu unerklärlichen Todesfällen kommt, ist die junge Designerin alarmiert und versucht, den Störfällen auf den Grund zu gehen – und das, obwohl ihre Vorgesetzten sie beurlaubt haben. Die Taube als Botschaft Jana stehen am Anfang…
175 Jahre alt wäre König Ludwig II. am 25. August geworden. Sandra Freudenberg und Stefan Rosenboom haben dem unvergessenen Kini mit dem Bilder-Buch „In den Bergen lebt die Freiheit“ ein Geburtstagsgeschenk gemacht, und sie laden die Leser dazu ein, auf den Spuren des „Märchenkönigs“ die bayerischen Berge neu und anders zu erleben. „Dies ist mein Warum“, schreibt die philosophisch beschlagene Alpinistin Freudenberg: „Geführt von der kultivierten Hand Königs Ludwigs II. neue Welten finden.“ Vom Traum zur Wirklichkeit Kongenial unterstützt vom Fotografen Rosenboom fängt sie die mystische Stimmung im Bergreich des bayerischen Königs und seinen zwölf Hütten zwischen Allgäu und Oberbayern in einer ganz eigenen Sprache ein. „Was er träumte, wurde Wirklichkeit, wenn der es wollte“, schreibt Freudenreich, die ihre Bewunderung für den royalen Freigeist nicht verbergen kann und will. Sogar ein Marokkanisches Haus hat Ludwig II. in die Berge verpflanzt – heute steht es im Schlosspark von Linderhof. Mit Luxus in die Bergfreiheit Im Sommer und im Winter haben Autorin und Fotograf auf zwölf Touren Ludwigs Hütten erkundet. Doch so wie im Schachenschloss, wo weitgehend alles so erhalten blieb wie es der Kini hinterlassen hat – samt Kronleuchter und purpurnen Seidendiwanen – fanden sie nur wenig. Manche der Hütten wie…
Eine Geschichte über die Eisenbahn ist dieses Buch nicht, aber eine Einladung, das Zugfahren neu zu entdecken. „Eine Reise mit Goldrand verbindet man heute meist mit Kreuzfahrten durch die Karibik und den Erste-Klasse-Abteilen der interkontinentalen Fluggesellschaften. Doch früher fand Glamour auf Reisen tatsächlich in den Fernzügen mit den großen und fantasieanregenden Namen statt.“ Der viel gereiste Schwede Per J. Andersson würde sich wünschen, dass es wieder so wäre. Schon wegen des Klimas. Denn da ist seiner Meinung nach die Zeit der Scham vorbei, „jetzt ist Panik angesagt“. Klimafreundliche Alternative Und Bahnfahren ist seiner Meinung nach entschieden klimafreundlicher als Fliegen oder Autofahren. Höchste Eisenbahn also umzudenken. 380 unterhaltsame Seiten füllt Andersson mit seinem Lob auf die Schiene. Dabei zeigt er sich stets bestens informiert, ob er aus der Geschichte der Eisenbahn erzählt – „Mit dem Zug schuf der Mensch eine neue Dimension der Wirklichkeit“, ob er von berühmten Bahnreisenden berichtet oder von den „Steampunks“, die mittels Recycling eine andere Art von Moderne schaffen wollen. Ob er von Luxuszügen schwärmt oder von dem Charme der Langsamkeit, von Bahnreisen mit Kindern oder in der Schweiz. Fatale Fehlentscheidung der Deutschen Bahn Allerdings spart der Bahn-Enthusiast auch nicht mit Kritik an einigen Fehlentwicklungen auf der…
Jürgen Seibold hat sich als Autor von Allgäu Krimis einen Namen gemacht. Für sein neues Buch hat er sich von Kommissar Hansen getrennt. Vom Geheimdienst in den Buchhandel: Robert Mondrian will nichts mehr mit Staatsfeinden und Kriminellen zu tun haben. Und dann wird er doch hineingezogen in einen Mordfall. Ausgerechnet seine Traumfrau gerät unter Mordverdacht. Die Obsthändlerin soll einen Lieferanten vergiftet haben – mit einem Apfel wie einst die böse Königin in dem Märchen „Schneewittchen“. „Schneewittchen und die sieben Särge“ heißt denn auch der unterhaltsame Krimi von Jürgen Seibold. Slapstick mit Superhelden Märchenhaft ist allerdings nur der Titel des Buches, sonst geht es relativ handfest, zuweilen auch slapstickartig zur Sache. Mondrian erfährt bei seinen Ermittlungen Hilfe von unerwarteter Seite. Sein etwas ungelenker Gehilfe würde gerne den Superhelden geben, um der schüchternen aber reaktionsschnellen Marie zu imponieren. Der Buchhändler hält von beiden wenig und muss sich im Endkampf mit Muskel bepackten Halunken eines Besseren belehren lassen. Dabei spielen auch zwei redefreudige Kakadus eine wichtige Rolle… Leichte Sommerlektüre, die auch Leserinnen mit schwachen Nerven nicht um den Schlaf bringt. Hineingelesen… … in Mondrians Buchhandlung Als Freund hatte er seinen tollpatschigen Gehilfen bisher nicht eingestuft. Er mochte ihn ganz gern, aber mehr als…
Mit Leander Lost, dem Deutschen mit Asperger, hat Gil Ribeiro einen ungewöhnlichen Ermittler in die portugiesische Provinz geschickt, genauer nach Fuseta an der Algarve. Leander Lost hat sich inzwischen eingelebt und hat in Soraia, der Schwester seiner Kollegin Graciana, eine liebe- und verständnisvolle Partnerin gefunden. Und selbst die misstrauischen Polizeikollegen wissen seine Spürnase zu schätzen. Katz- und Mausspiel mit der Polizei Die kommt Leander Lost auch in diesem neuen Fall zugute. Es geht um eine Erpressung und einen ebenso einfallsreichen wie erstaunlichen Erpresser, der mit der Polizei Katz und Maus spielt und seine Bombenanschläge ganz gezielt einsetzt – zuerst gegen Sachen, dann auch gegen Menschen. Leander Lost, mit einem außergewöhnlichen Einfühlungsvermögen gesegnet, kann das Schlimmste verhindern und bringt sich dabei selbst in Todesgefahr. Schwarzgeld und Stierkampf Trotzdem ist dieser vierte Fall von „Lost in Fuseta“ eigentlich kein Krimi; Gil Ribeiro hat seine Kriminalfälle an der Algarve von Anfang an auch für deutliche Kritik an mangelndem Umweltschutz und korrupten Weltfirmen genutzt. Auch diesmal geht es um negative Entwicklungen wie die Überfischung der Meere, die Vertreibung der kleinen Leute durch Immobilienhaie und Luxustourismus, Stierkampf und Schwarzgeld. Wiedersehen mit alten Bekannten Aber es geht vor allem um die zwischenmenschlichen Beziehungen in der Policia…