Was bleibt
Rezensionen / 7. Oktober 2020

Fabio Geda hat mit seinem Buch „Im Meer schwimmen Krokodile“ einen Überraschungserfolg erlebt.  Jetzt legt der italienische Autor nach  –  mit einem Roman über Einsamkeit.  Der alte Mann  hat sich soviel Mühe gegeben mit dieser Essenseinladung an seine Tochter und die Enkelinnen. Und dann bricht sich eine der beiden den Arm – und er steht allein da mit dem gedeckten Tisch und den fertigen Speisen.  Seine Frau ist tot, die Kinder leben längst ihr eigenes Leben. Einsamer Ruhestand Jetzt ist er, der als Architekt in der Welt herumreiste, um Brücken zu bauen und in Venezuela eine heimliche Geliebte hatte, im Ruhestand – und einsam. Da lernt er im Park in der Nähe einer Skateboardanlage eine junge Frau mit ihrem Sohn kennen: Elena und Gaston folgen nach einigem Zögern seiner Einladung. So wird es doch noch ein fast familiärer Nachmittag. Keine Liebesgeschichte Aus dem Sonntag mit Elena, so auch der Titel des Romans, entwickelt sich keine Liebesgeschichte, auch wenn sich der alte Mann und der junge Gaston beim Basteln näher kommen. Aber der einsame Vater, der zu seiner Familie ein eher distanziertes Verhältnis hatte, erkennt neue Perspektiven für den Rest seines Lebens. Auch einen Weg aus der Alters-Einsamkeit. Familiäre Hintergründe Erzählt…

Lebendig werden im Kloster
Rezensionen / 7. Oktober 2020

Das Kloster  als Gegenentwurf zum Lärm der Moderne.  So sieht es Paolo Rumiz, der Wanderer und der Suchende. Auf dem Po ist er durchs unbekannte Italien gereist, auf der Via Appia hat er nach römischen Spuren gesucht und im Leuchtturm sich selbst gefunden. Nun hat sich der überzeugte aber auch verzweifelte Europäer in den Klöstern des Benediktinerordens mit den Wurzeln des europäischen Gedankens auseinandergesetzt und hat in ihnen viel Tröstliches gefunden: grandiose Einsamkeit, unberührte Natur, herzliche Menschen. Der Rockende Abt von St. Ottilien Manche der Mönche haben den Schriftsteller tief beeindruckt. Männer wie der ehemalige Abtprimas Notker Wolf, der nicht nur elf Sprachen spricht und Missionar in Afrika war, sondern auch „Smoke on the water“ von Deep Purple auf der E-Gitarre spielen kann und von großen Wirtschaftsunternehmen als Berater geschätzt wird. Überhaupt bewundert Rumiz die blühende Wirtschaft im bayerischen Kloster mit Biogasanlage, Brauerei, Verlag und „Hi-Tech-Stall“. „Mit Claudio spaziere ich verwirrt und argwöhnisch über die gepflegten Kiesalleen dieses Bauernhofs Gottes“, notiert er. Klöster quer durch Europa Eine „waffenlose Welt im Niemandsland“ hat er in den europäischen Klöstern gefunden. Und eine enge Verbindung – auch mit den Frauenklöstern. Den Faden zu seinem Buch hat er an einem Kriegerdenkmal in Triest aufgenommen,…

Das Ende der Sprachlosigkeit
Rezensionen / 2. Oktober 2020

Celeste Ng  war mit „Kleine Feuer überall“ eine literarische Sensation gelungen.  Der Roman wurde zum Bestseller und als TV Serie verfilmt.  „Was ich euch nicht erzählte“  ist ihr erster Roman, auch er hat das Zeug zum Bestseller:  Es scheint das Glück auf Lebenszeit: Als die ehrgeizige Studentin Marilyn den chinesisch-stämmigen Professor Lee heiratet, sieht sie sich noch vor einer großen Zukunft als Ärztin. Doch dann bekommt James Lee nicht die erhoffte Stelle in Harvard, sondern muss ich mit einer Professur in der Provinz zufrieden geben, es kommen Kinder, und Marilyn verzichtet darauf, weiter zu studieren. Ausgrenzung und Ehrgeiz James, Sohn nach den USA eingewanderter Chinesen, hat von Kind an gespürt, dass er anders ist, hat Ausgrenzung erfahren. Dass Marilyn ausgerechnet ihn liebt, erscheint ihm wie ein Wunder. Und wie viele Menschen mit Migrationshintergrund will sich James in seiner neuen Heimat integrieren. Er ist amerikanischer als die Ur-Amerikaner. Marilyn dagegen, die mit ihrer Ehe den Kontakt zu ihrer Mutter verloren hat, leidet darunter, ihre eigenen Ziele nicht erreicht zu haben. Bild einer perfekten Familie Sie fürchtet, als unbedeutende Hausfrau zu enden und überträgt ihren ganzen Ehrgeiz auf die Tochter Lydia, schön, klug und scheinbar ähnlich ehrgeizig wie die Mutter. Die anderen…

Jenseits der Capri-Sonne
Rezensionen / 28. September 2020

Ein Capri-Krimi? Capri das ist Sinnbild für Lebensfreude, Schönheit, Urlaub. Aber doch nicht für Mord und Totschlag. Der Autor Luca Ventura allerdings will die italienische Insel im Golf von Neapel zum Schauplatz seiner Krimis um den noch unerfahrenen  Inselpolizisten Enrico Rizzi machen. Straßenmusiker und Sohn reicher Eltern Im ersten Capri-Krimi muss Rizzi den Mord an einem jungen Mann aufklären, der als Straßenmusiker aufgefallen war und sich als Sohn reicher Eltern entpuppt. Wer hat Jack Milani ermordet? Seine Freundin Sofia, die spurlos verschwunden ist? Der Professor im Institut für Ozeanologie, dem er mit privaten Enthüllungen gedroht hat? Komplizierte Aufklärung Der Inselpolizist, der nebenbei noch seinem Vater in den Obstgärten helfen muss, ist genervt. Ausgerechnet mitten im August hält ihn dieser Mord auf Trab. Und obwohl er irgendwann die beiden Verdächtigen in Gewahrsam hat, scheint er von der Aufklärung des Mordes noch weit entfernt… Ventura lässt einen sympathischen Polizisten auf Capri ermitteln, und die leidlich spannende Geschichte klärt ganz nebenbei auch darüber auf, wie es mit den Weltmeeren bestellt ist. Hineingelesen… … in die Meeres-Problematik Als sie klein gewesen war, dachte sie immer, der Golf von Neapel sei das größte Meer der Welt, und wer darin bade, bekäme eine schöne, samtige Haut….

Wer ermordete Olof Palme?
Rezensionen / 28. September 2020

Olof Palme galt als einer der populärsten Ministerpräsidenten Schwedens, und sein Tod alarmierte die Welt. Bis heute ist der Mord an Olof Palme nicht aufgeklärt. War es ein Einzeltäter, der den Ministerpräsidenten erschoss oder stand ein Komplott hinter dem Mord? Roman Voosen und Kerstin Signe Danielsson haben rund um die Tat einen spannenden Krimi gesponnen, der den „größten Kriminalfall in der schwedischen Geschichte“ von verschiedenen Seiten beleuchtet. Stieg Larsson lässt grüßen Dabei greifen die Autoren auch auf Recherchen von Stieg Larsson zurück, der mit der „Millennium Trilogie“ einen Welt-Bestseller schrieb, aber auch Herausgeber eines antifaschistischen Magazins war. So erfahren die Leser ganz nebenbei auch viel über rechte Verschwörungen, über Geheimbünde beim Militär und Anti-Palme-Aktionen. Olof Palme, auch das lässt dieser Roman ahnen, war keineswegs ein Heiliger, auch er nutzte die Politik für seinen eigenen Vorteil und den seiner Familie. Das Erbe des Vaters Der Krimi spielt auf verschiedenen Zeitebenen. Im Mittelpunkt steht die Tochter eines hoch dekorierten Militärs, der womöglich am Palme-Mord beteiligt war. Weil Stina Forss wissen will, was vor 33 Jahren wirklich geschehen ist, wird sie selbst das Opfer mehrerer Anschläge, die sie einäugig überlebt. Bei ihren Recherchen wird die Polizistin von Kollegen unterstützt, vor allem von ihrer…

China und das Glück
Rezensionen / 28. September 2020

China, das Riesenland, die aufstrebende Großmacht, das Reich der Milliardäre. China, das nach unseren Industrie-Champions greift, das uns mit Plastikspielzeug zumüllt und sich Taiwan einverleiben will. Wir wissen viel über die Volksrepublik und kennen sie doch nicht. „China, wer bist du?“ fragt Simone Harre in ihrem Buch, das aus vielen Gesprächen mit Chinesen entstanden ist, mit Milliardären und Bauern, mit Designern und Verkäufern, Künstlern und Taxifahrern, mit Frauen und Männern, Jungen und Alten, mit Christen, Buddhisten, Muslimen, mit Vertretern von Homosexuellen und ethnischen Minderheiten. Was fehlt zum Glück? Sie wollte hinter die Kulissen blicken, die Seele des Landes er-spüren, und fragte die Menschen danach, was sie glücklich macht. Die Antworten, die sie bekam, waren höchst unterschiedlich. Sie zeigen, dass die Chinesen weit von einer einheitlichen Denkungsart entfernt sind, wie wir es immer wieder argwöhnen. Und sie zeigen, dass Reichtum nicht glücklich macht, auch wenn so einige auf „Vom-Tellerwäscher-zum-Milliardär-Karrieren“ zurückblicken können. Trotz ihrer Erfolge konnten sie nicht aufhören, nach immer mehr zu streben – so wie dieser Millionär: „Hungern muss keiner mehr in seiner Familie. Doch glücklich? Ist er glücklich. Wei Jinji schaut mich fragend an. Ja. Nein. Er wiegt den Kopf. Und er weiß. Irgendetwas stimmt nicht, irgendetwas fehlt…“ „Zu…

Das Reisen als Lebensweg
Rezensionen / 22. September 2020

Michael Roes weiß: Reisen und Tourismus sind zweierlei Stiefel. Reisen fordert den ganzen Menschen, ist verbunden mit Strapazen – auch heute noch – und kann mit großen Enttäuschungen verbunden sein. Der Tourismus dagegen verspricht die heile Welt, die Sicherheit mit Netz und doppeltem Boden und natürlich Glücksgefühle. Der Autor und Filmemacher Michael Roes definiert sich als Reisender. Riskante Nähe Es sind auch nicht die Ziele des Massentourismus, in die er die Leser mitnimmt – auch in Marokko oder Tunesien lässt er sich auf eine Nähe ein, die so riskant ist wie seine Reisen durch Afghanistan, im Jemen oder in Mali. In seinem dicken Buch „Melancholie des Reisens“ überlagert seine Gedankenwelt immer öfter auch die Realität vor Ort. Denn für Michael Roes ist Reisen immer auch verbunden mit der Suche nach Wahrheit und den eigenen Grenzen. Der Reisende als Virus Er reist Menschen nach, die ihn inspiriert haben: die Dichtern Rimbaud und Bowles etwa oder gescheiterten Entdeckern. Zitate aus deren (Tage)Büchern stehen zwischen den eigenen Betrachtungen, die jetzt in Corona-Zeiten fast prophetisch klingen: „Die Fremde liebt den Reisenden nicht. Sie wehrt sich gegen ihn, bekämpft ihn, isoliert ihn, stellt ihn unter Quarantäne, eliminiert ihn. Die Rituale der Gastfreundschaft sind Strategien der…

Entzauberter Heldenmythos
Rezensionen / 17. September 2020

Natürlich kennt auch Charles Lewinsky die ruhmreichen Eidgenossen aus Schillers „Wilhelm Tell“. Doch der Schweizer Autor will nichts vom Heldenmythos wissen. In seinem Roman „Der Halbbart“ lässt er einen elfjährigen Knaben vom Kampf der Eidgenossen gegen die Habsburger erzählen – aus dem Blickwinkel der kleinen Leute. Geschichte und Geschichten Die Welt des jungen Sebi, der mit den ungleichen Brüdern Poli und Geni aufwächst, ist geprägt von Tod und Teufel – und von der Macht des Klosters Einsiedeln. Anfang des 14. Jahrhunderts stritten die Schwyzer im „Marchenstreit“ mit dem unter dem Schutz der Habsburger stehen Kloster über die Nutzung von Wald- und Weideflächen. Am Dreikönigstag unternahmen sie einen folgenschweren Überfall, der später zur Schlacht am Morgarten führte. Auch die ein Mythos in der Schweizer Geschichte. Doch Charles Lewinsky geht nicht der bekannten Geschichte auf den Leim, ihm geht es ums Geschichtenerzählen. Himmel und Hölle Und das kann der Sebi, der sonst zu wenig taugt. Ist er doch beim Teufels-Anneli, der wandernden Märchentante, in die Lehre gegangen, nachdem er aus dem Kloster geflohen war. Denn eine Kindsleiche beseitigen, wie der Abt es ihm befohlen hat, das wollte der Sebi denn doch nicht. Lieber gräbt er dem kleinen Leichnam im Wald ein Grab,…

Der Himalaja in Briefen
Rezensionen / 17. September 2020

Der Himalaja, einst Traumziel von Berg-Pionieren, ist mittlerweile zum Tourismusziel geworden.  Die Veränderungen der Region seit die Gebrüder Schlagintweit Mitte des 19. Jahrhunderts  auf ihrer Forschungsreise zum Himalaja vordrangen, veranschaulichen Briefe, die Forscher, Abenteurer und Bergsteiger nach Hause geschickt haben.  Reinhold Messner hat einige davon in einem Sammelband untergebracht – und viele seiner eigenen. Authentische Berichte aus dem „Schneeland“ „Nicht das Bergsteigen an sich ist ein Gesundbrunnen für mich, oft reicht eine unverbrauchte Landschaft, in die ich mich hineinbewegen kann und ich bin glücklich. Gehe ich nicht, gehe ich kaputt“, das schrieb Reinhold Messner 2000 an einen Freund. Das Zitat steht über dieser Sammlung von Briefen aus dem Himalaja.  „Die wohl authentischte Form der Berichterstattung aus dem Schneeland“ liefert einen Einblick in 200 Jahre Bergsteiger-Geschichte, erzählt von Erfolgen und Tragödien, von Begeisterung und schmerzhaften Erlebnissen. Mummery  war der Pionier am Nanga Parbat Und sie spiegelt das Lebensgefühl der jeweiligen Zeit, die Arroganz der Pionieren gegenüber den Sherpas, die Selbstverständlichkeit einer luxuriösen Ausrüstung. So schrieb Albert Frederick Mummery 1895: „Wenn man übrigens ein Pferd für 6 Penns pro Tag und einen Mann für 20 Schilling pro Monat mieten kann, so wüßte ich nicht, warum es einem schlecht gehen sollte.“ Doch den…

Blick zurück in Melancholie
Rezensionen / 4. September 2020

Die erste Geschichte im neuen Erzählband „Abschiedsfarben“ des 76-jährigen Bernhard Schlink  gibt den Ton für die acht folgenden Geschichten vor:  „Sie sind tot- die Frauen, die ich geliebt habe, die Freunde, der Bruder und die Schwester und ohnehin die Eltern, Tanten und Onkel. Ich bin zu ihren Beerdigungen gegangen, vor vielen Jahren oft, weil damals die Generation vor mir starb, dann selten und in den letzten Jahren wieder oft, weile meine Generation stirbt.“ Vom Verrinnen der Zeit Sie alle handeln von Abschieden, vom Alter, von Schuld und Verstrickung, von Versäumnissen und Ausreden und – vor allem – vom Verrinnen der Zeit. Manche sind dramatisch wie „Picknick mit Anna“, wo der Protagonist zuschaut, wie das Mädchen, das er von klein auf gefördert hat, erschlagen wird – ohne einzugreifen. Zu sehr hatte sie ihn enttäuscht. Oder „Geschwistermusik“, wo die Schwester für ihren Bruder lebt (und liebt), weil sie ihn als Kind von der Klippe gestoßen hat. Verdrängte Erinnerungen Andere erzählen von verdrängten Erinnerungen, die im Alter wieder an die Oberfläche kommen wie „Altersflecken“. Mal sind es Männer, die zurückblicken, mal Frauen oder auch Kinder. Mal ist die Retrospektive voller Zorn, mal eher wehmütig. Aber immer ist der Hintergrund gut bürgerlich, sind die…