Rekordjagd in Europa
Rezensionen / 17. August 2021

Extrem ist zwar ein bisschen übertrieben für diese 111 Orte in Europa, aber sehenswert sind die Superlative, die Patricia Szilagyi zusammengestellt hat, schon. Alles beginnt mit einem Glockenschlag und der ältesten Glockengießerei Europas im italienischen Agnone, einem Örtchen mit 16 Kirchen. Gleich dahinter der berühmte Giftgarten von Alnwick Castle in England, wo die giftigsten Pflanzen der Welt versammelt sind. Sozialsiedlung und Miniatur-Wunderland Auch die älteste Sozialsiedlung der Welt, die Fuggerei in Augsburg, hat in dem Buch Platz gefunden ebenso wie das Miniatur-Wunderland in Hamburg und das Eden Projekt in Cornwall oder das erste Unterwassermuseum vor Lanzarote, wo der Künstler Jason de Caires Taylor 300 Skulpturen auf dem Meeresboden platziert hat. Groß, größer, am größten: Der Keukenhof als der größte Blumengarten, das London Eye als das größte Riesenrad, das Oktoberfest als das größte Volksfest oder Aire de Berchem in Luxemburg, mit 51 Zapfsäulen die größte Tankstelle. Längste Getränkekarte und teuerstes Menü Eher in die Rubrik Kurioses gehört die mit 192 Seiten längste Getränkekarte im Delirium Café in Brüssel oder das teuerste Menü im Sublimotion auf Ibiza: für 1650 Euro pro Person gibt‘s 20 Gänge und ein virtuelles Erlebnis für alle Sinne. Wer Lust auf Rekorde hat, könnte auf der einzigen Sandlandepiste…

Der Weg ist das Ziel
Rezensionen / 10. August 2021

Das Gehen hat Torbjorn Ekelund erst für sich entdeckt, nachdem er wegen einer Epilepsie-Diagnose nicht mehr mit dem Auto fahren durfte. Doch seither ist der Norweger mit zunehmender Begeisterung nur noch zu Fuß unterwegs – manchmal mit geschlossenen Augen und immer öfter auch barfuß. Gedanken beim Gehen Das Gehen hat ihm die Augen geöffnet, nicht nur für die Schönheit der Natur, auch für die Geschichte des Landes und für neue Gedankenwelten. Denn Ekelund ist überzeugt davon, dass Gehen das Denken befördert. In seinem Buch zitiert er denn auch Philosophen, Dichter, Denker und – Weitwanderer. Er macht sich Gedanken über die Metapher „Weg“, die in allen Religionen zu finden ist. Pilgerreisen und Traumpfade Weltweit machen sich Pilger auf den Weg, ob Hinduisten, Muslims oder Christen. Mit dem Regisseur Werner Herzog ist er der Meinung, dass sich die Welt denjenigen offenbart, die zu Fuß gehen. Torbjorn Ekelund erinnert sich an die „Traumpfade“ der Aborigines in Australien, die Bruce Chatwin beschreibt. Es sind die „songlines“ einer von den Ahnen besungenen mythischen Landkarte. Der Weg der Kindheit Gehen, das erkennt der Norweger immer mehr, spielt in der menschlichen Geschichte eine Hauptrolle. Schließlich waren die Altvorderen Nomaden. Und sie kannten ihre Wege so wie er…

Europa im Cyber-Schock
Rezensionen / 5. August 2021

Der Journalist Wolf Harlander hat das Ohr am Puls der Zeit. Nach seinem Thriller  42 Grad, einer Öko-Dystopie, wendet er sich in seinem neuen Roman Systemfehler  dem Thema Cyberattacken zu. Auch das ein hochbrisantes Thema. Was er im ersten Teil des dicken Thrillers schildert, ist wohl nicht weit entfernt von der Realität: Nach einem Hackerangriff fallen Ampeln aus, fahren keine Züge, fallen Flugzeuge vom Himmel. Und dann bricht auch das Internet zusammen. Nichts geht mehr – auch nicht im Gesundheitssystem. Hochansteckendes Virus Ein hochansteckendes Virus hat das europäische Netz infiziert. So ansteckend wie das Corona-Virus, das in diesem Roman allerdings keine Rolle spielt.  Der BND rätselt.  Ein Angriff aus China oder aus Russland? Fest steht nur, dass dieses Computervirus ursprünglich vom amerikanischen Geheimdienst NSA für eigene Cyberangriffe entwickelt wurde und nun in modifizierter Form in ganz Europa wütet – mit bösen Folgen auch auf Trinkwasser- und Stromversorgung. Kurz, auf das ganze tägliche Leben. Wolf Harlander schildert drastisch unsere totale Abhängigkeit vom Netz. Rechte, Verschwörer und Islamisten Im schnell wachsenden Chaos machen rechte „Heim-Brigaden“ und QAnon-Verschwörer mobil. Auch Islamisten sehen ihre Chance auf Umsturz. Das Ganze spitzt sich gefährlich zu. Aber natürlich ist Rettung nah. Der junge BND-Eleve Nelson Carius merkt…

Umweltfreundlich Campen
Rezensionen / 5. August 2021

Campen lockt in diesen Zeiten ganz besonders: Sommer, Sonne, Ferien. Aber auch Corona. Die Pandemie hat den Camping-Trend beflügelt. Das zeigen auch die Verkaufszahlen für Camper & Co. Campen im Einklang mit der Natur ist eine der umweltfreundlichsten Arten, seinen Urlaub zu verbringen, davon ist Svenja Preuster überzeugt. Und sie muss es wissen, gibt sie doch als „Fräulein Öko“ auf Youtube Tipps zu den Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Nachhaltig im Wohnmobil Nun also auch im Buch: In „Green Camping“ geht es allerdings nicht um Zelten, sondern um möglichst nachhaltigen Urlaub mit dem Wohnmobil, für „Fräulein Öko“ eine gute Wahl „verglichen mit einem Flug oder einer Kreuzfahrt“ oder auch im Vergleich zu einem Hotelaufenthalt. Sie und ihr Freund haben einen gebrauchten Van für ihre Bedürfnisse umgebaut. Ausführliche Anleitungen Wie das möglichst ökologisch geht, beschreibt sie ausführlich im Buch – einschließlich Trockentrenntoilette und Dusche to go. Auch der Küche und dem Kochen widmet Svenja Preuster detaillierte Ausführungen, sogar mit einem – veganen – Rezeptteil.  Denn auch beim Esse kann man ihrer Meinung nach die Umwelt schonen. Erst recht beim Abwasch und beim Putzen. Naturkosmetik und Second Hand Was für den Camper-Van gilt, gilt auch für die campenden Menschen. Da ist „Fräulein Öko“…

Brüchige Idylle
Rezensionen / 4. August 2021

Daniela Krien ist immer nah dran an ihren Figuren und die „sind keine Gewinner“, wie die Autorin einmal gesagt hat. Das gilt auch für die Protagonisten ihres neuen Romans „Der Brand“. Die Psychologin Rahel und der Germanistikprofessor Peter sind beide in der Mitte des Lebens angekommen und scheinbar am Ende ihrer Ehe. Nun haben sie einen Urlaub in den Alpen geplant, aber ein Brand hat ihr Urlaubsdomizil vernichtet. Deshalb fahren sie auf Bitten einer Freundin zum Haus und Hof Hüten in die Uckermark. Dahin, wohin es derzeit viele Berliner drängt. Drei Wochen Zeit Drei Wochen wollen sie bleiben und dabei versuchen, das Feuer unterm Dach ihrer Ehe zu löschen. Rahel leidet unter Peters schwindendem Begehren, seiner Zurückgezogenheit, seiner neutralen Freundlichkeit. Und Peter kommt nicht darüber hinweg, dass er Opfer eines Gender-Shitstorms geworden ist, obwohl er sich doch immer auf der Höhe des Zeitgeists fühlte. Daniela Krien kann das: Mit lapidaren Sätzen existentielle Situationen skizzieren. Interfamiliäre Zwistigkeiten Ihrem durchdringenden Blick entgeht nicht Rahels Selbstbezogenheit, auch nicht Peters gekränkter Stolz. Das Ringen um diese Ehe wird begleitet von einem flügellahmen Storch, einer einäugigen Katze und dem Tod des Hof-Eigentümers. Das klingt ziemlich unspektakulär. Aber Daniela Krien gelingt es, aus innerfamiliären Zwistigkeiten Spannung…

Bahn frei für Zug-Enthusiasten
Rezensionen / 4. August 2021

Europa mit dem Zug? Das klingt erst einmal kompliziert und nach viel Zeitaufwand. Wo das Flugzeug gerade mal eineinhalb Stunden braucht, muss man mit der Bahn schon mal sechs mal so viel Zeit einplanen. Aber was heißt das schon, wenn man bereit ist, sich auf eine andere Art zu reisen einzulassen? Und Vorteile hat Bahnfahren ja auch: Einfach am Bahnhof einsteigen – und los geht‘s. Dass das (fast) überall in Europa und nicht nur in der EU möglich ist, erfährt man im schön gestalteten und informativen Reisehandbuch „Europa mit dem Zug“. Mit dem Zug in allen Ecken Europas Von Interrail bis Nachtzug, von Direktverbindungen bis zum Autoreisezug: Bahnenthusiasten erklären die wichtigsten Voraussetzungen für unbeschwertes Reisen mit dem Zug. Sie waren in den europäischen Ländern von West nach Ost, von Süd nach Nord unterwegs, kennen die schönsten, spektakulärsten, überraschendsten Strecken und nehmen die Lesenden mit zu Ausflügen in die Polarnacht, an die Amalfiküste oder zu Dracula. Ticketpreise und Schienennetze Man liest erstaunt, wie günstig Bahntickets sein können: Innerhalb des Kosovo etwa kostet keine Strecke mehr als drei Euro. Da kann die Schweiz trotz ihrer hoch gelobten Schienen-Infrastruktur nicht mithalten. Aber auch hier kann man Sparangebote ergattern oder kommt mit Spartageskarten günstiger…

Anleitung zum Glücklichsein
Rezensionen / 23. Juli 2021

Corona hat den Menschen viel Freude genommen, den Alltag grau gemacht. Zwar sieht alles jetzt im Sommer wieder besser aus, aber viele leiden immer noch unter den Beschränkungen. Optimismus tut not, hat sich wohl auch die Künstlerin Birgit Osten gedacht und Florentinchen erfunden, eine kleine Elfe, die sie als Botschafterin des Glücks durch 31 farbenfrohe Seiten schickt. 12 Wege zum Glücklichsein weiß Florentinchen. Lachen natürlich aber auch „Hüpfen, Schaukeln,Laufen“ und „Für andere da sein“. Dankbar auch für die kleinen Dinge Es sind ganz einfache Wege und doch sind sie mitunter schwer. Denn „Dankbar und zufrieden sein“ fällt gerade in Corona-Zeiten nicht immer leicht. Aber Florentinchen lässt sich nicht entmutigen, sie ist auch für die kleinen Dinge dankbar. Und sie fordert ihre kleinen Leser und Leserinnen dazu auf, selbst kreativ zu werden, sich eigene Ziele zu setzen. Zwölf Seiten sind im Buch dafür reserviert. Hier kann jeder malen oder schreiben, was sie oder ihn glücklich macht. Und wer noch mehr malen will, bestellt sich ganz einfach das Malbuch-PDF zum Ausdrucken: www.florentinchen.de  Info Birgit Osten, Florentinchen und das Glück, Artemino Design GmbH, 48 S., 19,80 Euro, ISBN 978-3-98229-330-1

Der Knuddel-König
Rezensionen / 23. Juli 2021

Ged Adamson ist Illustrator und kann gut zeichnen.  Dass er auch gute Geschichten erzählen kann,  zeigt sein Buch „Komm knuddeln“. Oskar ist nicht so wie andere Vögel. Seine Flügel taugen nicht zum Fliegen. Und als alle seine Geschwister und Freunde in die Welt hinausfliegen, bleibt er allein zurück. Wozu taugen denn seine überlangen Flügel, überlegt der einsame Vogel. Weil ihm nichts Nützliches einfällt, setzt er sich auf einen Baum und bläst Trübsinn. Umarmen macht glücklich Bis ihn eines Tages ein trauriger Orang-Utan aus seinem Weltschmerz reißt. Um ihn zu trösten, umarmt ihn Oskar ganz fest mit seinen überlangen Flügeln. Und der Orang-Utan geht glücklich von dannen. Von da an weiß Oskar, wozu seine Flügel gut sind: „Komm knuddeln“ sagt er allen traurigen Tieren, denn nach einer Umarmung sind sie alle wieder froh. Oskar wird zum Knuddel-König, die Tiere stehen Schlange, um sich von ihm umarmen zu lassen. Oskar umarmt einen Bären, ein Krokodil, ja eine ganze Vogelbande, sogar einen Wurm. Das tut allen gut. Denn endlich weiß der Vogel, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als fliegen: Freunde. Ged Adamson hat ein zärtliches Bilderbuch über einen kleinen Außenseiter geschrieben, der zwar nicht perfekt aber glücklich ist. Eine tröstliche Botschaft…

Süffige Geschichte um Bier und Frauen
Rezensionen / 22. Juli 2021

Natürlich geht es um Bier in diesem Buch, um Craft Beer vor allem, handwerklich hergestelltes Bier. Aber noch wichtiger als Hopfen und Malz sind die Frauen, die mit Bier Karriere machen. J. Ryan Stradal stellt in seinem Roman „Die Bierkönigin von Minnesota“ drei starke Frauen in den Mittelpunkt, die Männer bleiben nebensächlich. Es sind die Frauen – Großmutter, Großtante und Enkelin – die dieses Buch tragen. Durch Zufall zum Bier Edith, die Duldsame, die immer anderen den Vortritt gelassen hat. Nachdem Dianas Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen sind, nimmt sie die Enkelin Diana bei sich auf, ein selbstbewusstes, aufmüpfiges aber auch liebevolles Mädchen, das sich mit Diebstählen ein Zubrot verdient. Meist, um die naive Großmutter zu unterstützen. Zum Bier kommt Diana, anders als ihre Großtante Helen, nur durch einen unglücklichen Zufall. Ausgerechnet ein Braumeister erwischt sie bei einem Raubzug und verdonnert sie dazu, ihre Schulden durch Arbeiten in der Brauerei abzuarbeiten. Craft Beer statt billige Plörre Bald schon kreiert Diana ihr eigenes Bier, natürlich ein charaktervolles Craft Beer. Etwas ganz anderes als das, was ihre Großtante Edith für die Großbrauerei Blotz zusammengebraut hat. Anders als Diana wollte Edith immer schon Bier brauen, die Heirat mit dem Blotz-Erben war…

Der Dorfnazi ist auch ein Mensch
Rezensionen / 22. Juli 2021

  Mit  „Unterleuten“  hat Juli Zeh nicht nur die Kritik überzeugt, sie hat auch einen großen Leserkreis angesprochen. Nun also das Nachfolgebuch „Über Menschen“. Wie „Unterleuten“ spielt auch dieser Roman in der brandenburgischen Provinz, da, wo die Autorin selbst seit vielen Jahren lebt. Von Corona vertrieben Im Zentrum steht die Werbetexterin Dora. Sie ist mit ihrer Hündin, die transgendermäßig Jochen der Rochen heißt, nach Bracken gezogen, wo sie ein heruntergekommenes Haus erworben hat. Corona hat Dora aus Berlin vertrieben, hat ihr das Zusammenleben mit ihrem zum Greta-Thunberg-Jünger und rechthaberischen Corona-Moralisten mutierten Freund vermiest. Nun will sie in Bracken Fuß fassen, lernen von dem zu leben, was das Land hergibt. Spiel mit Klischees Hin und wieder wird man bei der Lektüre dieses neuen Dorfromans an das Motiv der edlen Wilden erinnert. Nur eines von vielen Klischees, mit denen Juli Zeh in „Über Menschen“ spielt. Auch der Nachbar, der sich über die Gartenmauer mit „Ich bin hier der Dorfnazi“ vorstellt, wirkt wie ein Klischee.  Doch Juli Zeh ist eine viel zu versierte Autorin, um es bei solcher Typisierung zu belassen. Was am Anfang so eindeutig erscheint, wird bald in Frage gestellt. Angst vor der Wahrheit Der Nazi Gote erweist sich als fürsorglicher…