Massimo Carlotto ist nicht nur einer der bekanntesten italienischen Kriminalschriftsteller, er kennt sich auch aus im Milieu. War er doch selbst für längere Zeit Häftling, ehe er vom Präsidenten begnadigt wurde. Das hat seine Einstellung gegenüber der wuchernden Kriminalität im Land der Mafia geprägt. Auch der neue Roman „Und es kommt ein neuer Winter“ ist Ausdruck seiner Skepsis, dass sich daran etwas ändern könnte. Außer Kontrolle Der erfolgreiche Immobilien-Unternehmer Bruno Manera aus der Stadt ist nach der Heirat mit der wesentlich jüngeren Federica in ihr Dorf gezogen. Doch dort wird er nie Wurzeln schlagen. Nicht nur die alteingesessene Familie seiner Frau lehnt ihn ab, das ganze Dorf ist gegen ihn. Die vom Liebhaber seiner Frau geplante und bezahlte „Abreibung“ gerät außer Kontrolle. Tödliche Kastanien Dem ersten Mord folgen weitere. Und das Dorf hüllt sich in verhängnisvolles Schweigen. Jeder und jede könnte Täter sein, hätte ein Motiv. Auch der örtliche Maresciallo hat kein echtes Interesse an einer gründlichen Aufklärung. Dass es am Ende doch noch den lange unauffälligen Strippenzieher erwischt, hat mit einer Frau zu tun, die ihre Familie retten will. Und mit „Marrons glacés“, eingelegten Esskastanien. Minimalistischer Stil Dass der Genuss dieser aufwändig hergestellten Spezialität tödliche Folgen haben kann, wird…
Fernost ist in diesen Kriegszeiten ferner denn je. Putins Krieg in der Ukraine zwingt die Airlines zu – teuren – Umwegen. Aber Träumen wird man auch in diesen düsteren Zeiten noch dürfen – und dabei hilft dieses Buch. „Es gibt Momente, an die man sich ewig erinnert. Erinnerungen, die einem niemand mehr nehmen kann“, schreibt Alexandra Schels im Vorwort zu dem einladenden Bildband Fernweh Fernost, zu dem der Fotograf Patrick Pichler grandiose Naturaufnahmen und eindrucksvolle Porträts beigesteuert hat. Acht ganz unterschiedlicher fernöstliche Länder haben die beiden bereist – und es sind vor allem die großformatigen Bilder, die das Fernweh nach Fernost triggern. Das Besondere im Fokus Dieser Bildband will nicht zum wiederholten Mal die bekannten Sehenswürdigkeiten dieser Länder ins Bild rücken und schon gar nicht die Politik. Den beiden Reisenden geht es um das Besondere, das Originelle. Wie die Stelzenfischer von Sri Lanka, die auf langen Holzpfählen auf ihre Beute warten. Die Einbein-Fischer vom Inle-See in Myanmar, deren besondere Rudertechnik wie ein Tanz auf dem Wasser wirkt. Oder die Seefrauen auf Koreas Insel der Geheimnisse, Jeju. Die Politik bleibt draußen Wie in Myanmar, das derzeit wieder in einer Militärdiktatur versunken ist, bleibt auch in China die aktuelle Politik außen vor….
Es fängt wieder an: An diesen sonnigen Frühlingstagen rollt die Ausflugswelle in die Berge und an die Seen wieder. Die Folgen: Müll am Wegrand, zerstörte Brutstätten, aufgescheuchtes Wild. Menschen, die sich in der Natur rücksichtslos verhalten, sorgen für Unmut bei den Anwohnern. Im neuen Krimi von Nicola Förg wird dieser Unmut tödlich enden. Hohe Wogen heißt der Roman, und hohe Wogen schlägt auch der Mord an einem weiblichen Location-Scout. Mord mit Fünfzack Die Frau, die mit einem Filmteam am Starnberger See aktiv war, wurde auf ihrem SUP mitten im See gefunden – aufgespießt mit einem Fünfzack. Irmi Mangold und ihre Kollegin Kathi Reindl geraten bei ihren Ermittlungen zwischen alle Fronten: Freizeit-Wassersportler, Berufsfischer, Ausflügler, Naturschützer, LKW-Fahrer und Filmleute. Dazu noch ein Cannabis-Händler und Gender-Fragen. Umweltsünder am Pranger Auch dieser neue Fall, in dem Corona noch eine wichtige Rolle spielt, gibt der versierten Autorin und engagierten Naturfreundin Nicola Förg reichlich Gelegenheit, Umweltsünden anzuprangern. Die hatten in Corona-Zeiten noch zugenommen, und Nicola Förg, die selbst auf dem Land lebt, sah sich mit den Folgen rücksichtsloser konfrontiert. Show-down am See Wie immer packt sie ihr Plädoyer für die Natur und die Tiere in eine durchaus spannende Geschichte und lenkt den Verdacht der Lesenden in…
Nino Haratischwili, der Name ist Garant für eine eher selten gewordene Leidenschaft am Erzählen. Auch diesmal. Ein Buch, schwer wie ein Backstein, das auch manchmal schwer im Magen liegt. Doch Nino Haratischwilis neuer gewichtiger Roman „Das mangelnde Licht“ ist auch ein Buch, das man kaum aus der Hand legen will, ein mitreißender Roman trotz der allgegenwärtigen Gewalt, von der er – auch – erzählt. Die in Georgien geborene Nino Haratischwili, die schon mit ihrer Familiensaga „Das achte Leben für Brilka“ überzeugt hatte, zeigt sich in diesem Roman über die Umbruchszeit der 1980er und 1990er Jahre wieder als großartige Autorin. Beklemmend aktuell Man könnte ihr vielleicht ihre überbordende Erzähllust vorwerfen, ihre geringe Scheu vor Klischees, Metaphern und der Verwendung von Adjektiven. Aber all das ist marginal angesichts der beklemmenden Aktualität und der spannenden Konstruktion dieses Romans. Es ist eine Fotoausstellung in Brüssel, bei der sich drei der vier georgischen Freundinnen nach Jahrzehnten wieder treffen. Und anhand dieser Fotos nimmt die Ich-Erzählerin, die Restaurateurin Keto die Leser mit in ihre Heimat und in ihre Kindheit in der Hauptstadt Tbilissi. Ein Spiegel der Gesellschaft Aufgewachsen ist Keto mit ihrem nach dem Tod der Mutter geistig stets abwesenden Vater, zwei hoch gebildeten Großmüttern und…
Andreas Lesti liebt die Berge – und die Literatur. Und so hat sich der in Augsburg geborene und in Berlin lebende Journalist und Autor auf den Weg gemacht, in der Schweiz den Zauber zu erforschen, den die Berge dort auf Künstler und Literaten ausübten. Sein Buch „Zauberberge“, zauberhaft aufgemacht mit einem Leineneinband und alten Fotografien vor jedem Kapitel, folgt den Spuren deutscher Dichter und Denker in der Schweiz. Ein Berg an Büchern Lesti hatte sich im ersten Jahr der Pandemie aufgemacht und musste aufgeben. Im Sommer kehrte er zurück. Als erstes stand Davos auf dem Reiseplan. Davos, natürlich, Schauplatz von Thomas Manns „Zauberberg“. Der Roman über einen jungen Mann, „der sieben Jahre nicht mehr wegkam aus den Schweizer Bergen“. So lange hält es Andreas Lesti nicht in der Gebirgsstadt, obwohl er einen ganzen Berg Lektüre dabei hat – neben Thomas Manns Zauberberg auch den weitgehend unbekannte „Zauberlehrling“ von Erich Kästner, Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ oder Theodor Adornos „Minima Moralia“. Das Schicksal der Villa Stein Er wird also viel lesen auf dieser Reise – und sich verzaubern lassen. Die Spurensuche führt ihn in Davos von der Schatzalp zum Waldhotel und ins Medizinische Museum, wo er versucht, dem morbiden Kult um die…
Rapunzel wird zu Novella, Dornröschen mutiert zu einer kyrokonservierten (tiefgefrorenen) Schönheit und der böse Wolf ist ein Vergewaltiger aus einer anderen Welt. In Future Fairy Tales erzählt Holly-Jane Rahlens tatsächlich Geschichten aus einer anderen Welt. Manche der Grimmschen Märchen sind so verwandelt, dass man sie kaum mehr erkennt. Froschkönig und Cyborg Adieu, ihr kühnen Prinzen und wunderschönen Prinzessinnen! Willkommen, Fortschritt. Der Froschkönig ist ein Cyborg, ein Maschinenmensch, der trotz seines amphibischen Aussehens menschliche Gefühle hegt. Cyberbella ist alles andere als ein Aschenputtel, auch wenn sie als Computernerdin ihren Stiefbrüdern bei Computerproblemen helfen muss statt sich zu amüsieren. Es ist auch kein Prinz, dem sie schließlich ihr Herz schenkt, sondern ein Mädchen mit ähnlichen Vorlieben. Mädchen machen mobil Überhaupt die Mädchen! Alles andere als hilflose Hascherl. Schneewittchen, zum Beispiel, ist die selbstbewusste Tochter eines Mafia-Bosses. In einem Interview kritisiert sie die Netflix-Serie über ihr Leben und entlarvt viele der märchenhaften Details als Lügen. Da kommt das Sterntaler-Märchen noch besser weg, das eine Influencerin in den Mittelpunkt stellt. Sie wirbt für den „megacoolen“ Hotspot Las Vegas. Und dann erzählt sie von ihrem Weg in die Glitzermetropole, auf dem sie alles bis auf ihr letztes Hemd verschenkt hat. Zum Lohn gewinnt sie dann…
Ui, da hat Joachim B. Schmidt den Schweizer Nationalhelden Tell ganz schön zerzaust. Ein armer Bergbauer ist sein Tell, der so gar nichts von Schillers Heldenmut hat. Erzählt wird die Anti-Heldengeschichte von einem Chor von Zeitzeugen. Darunter auch von Walter, dem Sohn, dem Wilhelm Tell auf Befehl des habsburgischen Reichsvogts Gessler den Apfel vom Kopf schießen muss. Desolate Lebensverhältnisse Der Schweizer Schmidt nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er seine Erzähler die desolaten Lebensverhältnisse der Bauern beschreiben lässt, die Kleingeistigkeit in den engen Tälern. Nichts da von politischer Aufmüpfigkeit oder einem „einig Volk von Brüdern“. Nur ein täglicher Kampf ums nackte Leben und gegen eine Diktatur, die selbst die armseligste Existenz durch immer neue Schikanen bedroht. Der Gegenspieler von Tell Ja, auch der Gesslerhut spielt seine Rolle, aufgesteckt, um das dumpfe Bauernvolk Mores zu lehren. Der Harras hatte die Idee, Gesslers Sicherheitschef. Ein bösartiger Intrigrant ist das bei Schmidt und ein gemeiner Leuteschinder. Die Bauern verachtet er genauso wie den Reichsvogt, seiner Meinung nach ein verweichlichtes Bürschlein. Schmidt macht ihn zum eigentlichen Übeltäter und damit zum Gegenspieler Tells. Harras verkörpert die dunkle Seite der Macht, ein echter Kotzbrocken. Schwacher Reichsvogt Im Gegensatz zu ihm ist Schmidts Gessler durchaus zu…
„Unser Glück“ heißt der Roman von Natalie Buchholz, und er erzählt vom Scheitern dieses Glücks. Coordt und Franziska sind eigentlich ein glückliches Paar, und als der kleine Frieder noch dazu kommt, könnte alles perfekt sein. Doch es gibt immer etwas, was nicht so recht passt. Für die kleine Familie ist die Wohnung in Giesing zu klein geworden. Da kommt das Angebot einer großzügigen, ja luxuriösen Wohnung in einem Nobelviertel gerade recht, zumal die Miete eher moderat ist. Doch das Ganze hat einen Haken: Sie müssen einen Mitbewohner akzeptieren, den sie nicht kennen. Das Glück kehrt zurück Coordt, dessen Perspektive Natalie Bucholz sich zu eigen macht, ist skeptisch. Doch Franziska ist von der neuen Wohnung so begeistert, dass sich das Paar auf das Experiment einlässt. Und tatsächlich scheint mit dem Einzug in die neue Wohnung das schon länger vermisste Glück wieder zurück in der jungen Familie. Franziska lebt in der noblen Umgebung auf, findet in der Goldschmiedin Majtken eine bewunderte Freundin. Der Mitbewohner als Brandbeschleuniger Nur Coordt macht der unbekannte Mitbewohner zu schaffen. Zu Recht, wie sich bald herausstellen sollte. Denn der Mann begnügt sich nicht mit einem Geister-Dasein, er dringt in das Privatleben der Mieter ein, ja beraubt Coordt seiner…
Sasha Filipenko, geboren in der belarussischen Hauptstadt Minsk, weiß, was Andersdenkenden im russischen Einflussgebiet droht: „Die Universität, an der ich in Minsk studiert habe, wurde von Lukaschenko geschlossen. Das Institut der freuen Künste und Wissenschaften, an dem ich daraufhin in Russland studiert habe, wurde von Putin geschlossen. Der unabhängige TV-Sender Doschd, bei dem ich gearbeitet habe, gilt heute als ausländischer Agent.“ In seinem neuen Roman „Die Jagd“ hat er persönliche Erlebnisse ebenso verarbeitet wie Erfahrungen von Kollegen. Herausgekommen ist ein Buch von beklemmender Aktualität gerade in Zeiten russischer Großmachtsbestrebungen. Im Fadenkreuz der Mächtigen Im Fadenkreuz der Mächtigen steht der aufrechte Journalist Anton Quint, ein junger Familienvater. Lange glaubt er daran, mit seinen Posts und Recherchen die Welt um sich herum zum Besseren verändern zu können. Quint zieht in den Kampf gegen die Korruption wie einst Quichotte in seinen gegen die Windmühlen. Das Leben wird zur Hölle Doch das System schlägt zurück, erbarmungslos. Der korrupte Oligarch Wolodja Slawin setzt ein paar Typen auf den Journalisten an, die ihm das Leben zur Hölle machen. Ihr gnadenloser Vernichtungsfeldzug gilt auch der Familie des Opfers. Quint soll dazu getrieben werden, außer Landes zu gehen. Für die Hexenjagd sind alle Mittel recht: bösartige Verleumdungen, Dauer-Lärmbelästigung, …
„Die Raststätte ist Deutschland im Kleinen. Ein Mikro-, ein Makrokosmos“ schreibt Florian Werner in seinem Buch Die Raststätte. Und diesen Mikrokosmos erkundet er in der Raststätte Garbsen Nord bei Hannover. Nach dem Motto pars pro toto, eine für alle. Kleine Geschichte der Raststätte So erfahren die Lesenden erst einmal jede Menge Interessantes: Dass es in Deutschland 450 Autobahnraststätten gibt und mehr als eine halbe Milliarde Reisende, die dort einkehren. Dass dort Abertausende arbeiten und Heerscharen von Lkw-Fahrern ihre Frei- und Schlafenszeit verbringen. Dass die Geschichte der Raststätten in den 1930er Jahren begann, verbunden mit dem Bau der Reichsautobahnen. Nostalgie im Gästebuch Und warum gerade Garbsen Nord „ein Ort von hinreißender Durchschnittlichkeit“? Weil die 1954 eröffnet Raststätte quasi in der automobilen Mitte Deutschlands liegt. Der Betreiber der Anlage, Autobahngastronom in der dritten Generation, schwelgt im Gespräch mit dem Autor in nostalgischen Erinnerungen, die er auch ledergebunden im Gästebuch vorlegen kann. Das System Sanifair Das hindert Florian Werner nicht, sich kritisch mit dem System Sanifair samt Wertebons auseinanderzusetzen. Und mit Tank & Rast, die etwas 95 Prozent der deutschen Raststätten betreibt und einem internationalen Konsortium gehört – bestehend u.a. aus einem Tochterunternehmen der Allianz, einem kanadischen Pensionsfonds und dem Staatsfonds von Abu…