Stadtwanderer und Sterngengucker
Reisebücher , Rezensionen , Romane / 7. Februar 2023

Lonely Planet hat‘s vorgemacht, jetzt verkündet auch Marco Polo „Die besten Ziele für 2023“. Marco-Polo-Autoren haben ihre Favoriten genannt, eine Jury hat daraus 40 Ziele in den Kategorien „Noch unentdeckt“, „Neuer Glanz“, „2023 erleben“ und „Nachhaltig“ destilliert. Wohin also geht bei Marco Polo die Reise in diesem Jahr? Hauptsache nachhaltig In jedem Fall auch wieder nach Deutschland und da – im Sinne der Nachhaltigkeit – zum E-Biken etwa auf der grenzüberschreitenden Route Verte. Zum Wandern nicht nur in den Bayerischen Wald, sondern auch in die Städte, z.B. zum Zollvereinsteig in Essen. Oder auch in eines der Bergsteigerdörfer, die es inzwischen auch in der Schweiz gibt. Und zum Wassersport geht‘s ins eher noch unentdeckte Fränkische Seenland. Entdecken empfohlen Zu den Entdeckungen des Jahres zählen bei Marco Polo außerdem das belgische Gent, wo sich mitten im Mittelalter-Ambiente eine Graffiti-Gasse öffnet. Aber auch Länder wie Kirgistan, „perfekt für Outdoor-Freaks“, Panama – nicht nur wegen des Kanals, oder das wildromantische Albanien. Was wieder glänzt Neuen Glanz entdeckten die Autoren u.a. in Singapur, das sich anschickt, „die grünste Megacity der Welt“ zu werden. Oder in Luxemburg, das „jetzt auch Canyon-Trails und stylisch gepimpte Hochöfen im Programm“ hat. „In der Fremde zu Hause ankommen“ ist das…

Ein Junge am Scheideweg
Rezensionen , Romane / 6. Februar 2023

Dass der Vorarlberger Michael Köhlmeier ein großartiger Autor ist, beweist er auch mit seinem neuen Roman Frankie. Im Mittelpunkt steht der 14-jährige Ich-Erzähler Frank, der in einer fast symbiotischen Gemeinschaft mit seiner Mutter in Wien lebt. Seinen Großvater lernt er mit Verspätung kennen, weil der über 18 Jahre hinter Gittern gesessen hat. Faszination des Bösen Der eher introvertierte Junge ist zugleich abgestoßen und fasziniert von dem alten Mann, der wirkt, als könne ihn nichts umhauen. Das abwertende Frankie nervt ihn zwar, aber mehr noch interessiert ihn, welche Geheimnisse der Großvater, der sich die Anrede Opa verbietet, hinter seinem schroffen Wesen verbirgt. Es ist die Anziehungskraft des Bösen, die Köhlmeier immer wieder thematisiert – auch in diesem Roman. Viele Freiheiten Der weitgehend vaterlos aufgewachsene Junge kommt eigentlich gut mit seinem Leben zurecht. Der Beruf seiner Mutter, die in der Volksoper als Schneiderin arbeitet, lässt ihm viele Freiheiten. Frank fühlt sich als der Mann im Haus – bis der autoritäre Großvater diese Rolle beansprucht. Die furchtsame Mutter interessiert den Alten nicht. Aber den Enkel will er nach seiner Vorstellung  formen. Die Waffe als Versuchung Frank erliegt der Versuchung des Abenteuers, die der Großvater verkörpert. Und es ist ja auch ein Abenteuer, was…

Abstecher in die Automobilgeschichte
Reisebücher , Rezensionen / 3. Februar 2023

„Die Automobilbranche, der Konjunkturmotor der deutschen Wirtschaft, muss sich immer wieder neu erfinden“, heißt es in dem Bildband  „Grand Tour“. Ein Satz, der heute genauso stimmt wie in der Anfangszeit des Automobils oder in Zeiten des Klimawandels mehr denn je. An 33 originelle Ort der Autobilgeschichte entführt nun dieses schön gestaltete Bilder-Buch. Darunter – natürlich – die Berliner Avus, der Nürburgring, die Carrera Panamericana, Autostädte wie Stuttgart, München und Modena, berühmte Pässe wie der Bernina- oder der Furka-Pass aber auch die erst 1989 eröffnet Atlantikstraße. Sechs Frauen auf großer Fahrt Und dann finden sich auf den 157 Seiten auch Orte, die auf den ersten Blick nicht unbedingt mit der Automobilgeschichte in Verbindung gebracht werden: Gmunden in Kärnten etwa, wo der erste Porsche entstand. Das schwäbische Mickhausen nahe Augsburg, wo 1964 erstmals ein ADAC-Bergrennen ausgetragen wurde. Der Freiburger Hausberg Schauinsland, wo schon 1925 die „Internationalen Freiburger Rekordtage“ für Motorräder und Wagen veranstaltet wurden. Oder die 14 000 Kilometer lange Strecke von Straßburg über Paris und Madrid bis Casablanca und zurück über Algier und Marseille, die sechs Frauen 1934 in Aero Roadstern zurücklegten – womit sie Geschichte schrieben – auch Emanzipationsgeschichte. Spannende Hintergründe Automobil- und Lifestyle-Fachmann Axel Nowak kennt sich aus in…

Frauenleben in finsteren Zeiten
Reisebücher , Rezensionen / 3. Februar 2023

„Ich schreibe, um hörbar zu machen, in Sprache zu übersetzen, was gemeinhin nicht gesprochen wird, nicht sprechbar scheint.“ Ulrike Draesner ist Lyrikerin, Romanautorin, Essayistin und Übersetzerin. Auch in ihrem neuen Roman „Die Verwandelten“ überschreitet sie die Grenze zwischen Prosa und Lyrik, zwischen Ländern und Sprachen und versucht, Unbegreifliches in Worte zu kleiden, Unaussprechliches zu skizzieren. Gewalt gegen Frauen Die Verwandelten  sind allesamt Frauen, traumatisiert von Krieg- und Nachkriegserfahrungen.  Ulrike Draesner schreibt von Gewalt gegen Frauen als Mittel zur Unterwerfung und darüber, was diese Gewalt mit den Frauen macht, wie sie sie für immer verwandelt. Als Russland seinen Krieg gegen die Ukraine begann, konnte Draesner, sagte sie in einem Interview, kaum weiterschreiben. „Viel zu gut konnte ich mir vorstellen, welche Arten von Gewalt nun erneut in Gang gesetzt worden waren.“ Interviews und Erinnerungen Das Material zu ihrem oft schwer verdaulichen aber umso beeindruckenderen Roman hat sie über Interviews und Zeitzeugenerzählungen gesammelt und in Fiktion verwandelt. Es geht ihr um „das weibliche Gesicht des Krieges innerhalb der Zivilbevölkerung“. Dabei springt sie zwischen den Zeiten und Perspektiven, was den Lesenden ein hohes Maß an Aufmerksamkeit abverlangt. Um die Frauen von Anfang an einordnen zu können, lohnt sich ein Blick auf das Figurenverzeichnis im…

Schwierige Reise zum Ich
Rezensionen , Romane / 26. Januar 2023

Mit den 1976 erschienenen „Mitteilungen an den Adel“ hat sich Elisabeth Plessen, eigentlich Elisabeth Charlotte Marguerite Auguste Gräfin von Plessen, einen Platz in der deutschen Nachkriegsliteratur gesichert. Auch im Roman „Die Unerwünschte“ (2019) setzt sich die Autorin mit ihrer Herkunft und dem Bedeutungsverlust des Adels auseinander. Nun also ein neues Buch „Die Frau in den Bäumen“. Und wieder hat der Roman autobiographische Züge. Die Ich-Erzählerin Anna darf wohl als das Alter Ego der Autorin gesehen werden. Erzählt wird eine Art Heldenreise der End-Zwanzigerin, die im italienischen Süden lernen muss, sich zu emanzipieren. Blitzschlag in der Idylle Anna ist mit ihrem doppelt so alten Freund – ein Vaterersatz? – unterwegs. Der literarisch gebildete Journalist will ihr sein Italien auf Goethes Spuren zeigen. Die sich im Ferienhaus einnistende Apathie wird durch die Nachricht vom Tod des Vaters und einen darauffolgenden Blitzeinschlag regelrecht zerschmettert. Das Paar sucht Schutz bei einem befreundeten schwulen Musikliebhaber, der sich mit einem Buch über Beethoven abplagt. In seinem gastfreundlichen Haus lernt Anna den jungen und schönen Matteo kennen, Kameramann mit dem Ehrgeiz zu Größerem. Auch Matteo arbeitet an einem ambitionierten Projekt, einem Film über Che Guevara. Unklare Zukunft Anna folgt dem Matteo nach Rom und später auf eine…

Zug zum Schnee
Reisebücher , Rezensionen / 23. Januar 2023

Skitouren Raus aus dem Zug, rein ins Vergnügen – das ist das Motto von Angelika Feiner, Michael Vitzthum sowie Barbara Schmid und Sven Schmid. Und weil sie andere von ihrer Idee, mit Bahn und Bus zur Skitour zu fahren, überzeugen wollen, haben sie gleich ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben: „Natürlich mit Öffis“ stellt Ski-Safaris und Rundtouren (bayerisch Reibn) vor, die auch dabei helfen den CO²-Fußabdruck zu verkleinern. Naturschutz beachten Wichtig vor dem Start ist natürlich eine gute Planung, und da empfehlen die Autoren u.a. die Bahn-Apps und Skitouren-Tipps des Alpenvereins. Und sie geben Tipps für die richtige Bekleidung, die Verpflegung und die Tourenplanung. Wobei beim Unterwegssein der Naturschutz wichtig ist. Deshalb entsprechen die vorgestellten Skitouren den Empfehlungen des DAV-Projekts „Skibergsteigen umweltfreundlich“. Für Anfänger und Fortgeschrittene Natürlich sind nicht alle Skitouren für jedermann oder jede Frau geeignet. Für Skitouren-Anfänger haben die Autoren acht Beispiele zusammengetragen, darunter die „Kaffee-und-Kuchen-Safari zum Brauneck“ oder die „Firstalm-Safari“ vom Schliersee zum Spitzingsee. Fortgeschrittene, die mindestens die Spitzkehrtechnik beim Aufstieg gut beherrschen und eine gute Kondition haben, haben die Qual der Wahl unter 21 Safaris und Rundtouren. Die klingen hin und wieder ziemlich abenteuerlich wie die „Höllisch grüne Rundfahrt“ von Biberwier nach Ehrwald, „Teuflisch gute Ammergauer“…

Von wegen störrischer Esel
Reisebücher , Rezensionen / 17. Januar 2023

Lotta Lubkoll und ihr Esel Jonny sind schon ein eingespieltes Team, wenn‘s ums Wandern geht. Mit ihrem Reisebericht über die gemeinsame Wanderung über die Alpen hatte die knapp Dreißigjährige einen Bestseller gelandet und Jonny berühmt gemacht. Aber die Reise zum Überwintern nach Portugal mit dem Bus ist für beide Neuland. Dafür hat die Eselliebhaberin einen alten Ford Transit so ausgebaut, dass Jonny während der Fahrt drinnen einen sicheren Stehplatz hat und sie während der Nacht ein Bett. Und los geht‘s. Viele Glücksmomente Klar, dass die beiden ungewöhnlichen Reisenden überall Aufsehen erregen, wohin sie kommen – und so natürlich jede Menge Leute kennenlernen. Als dann noch die neue Liebe, Stefan, das Duo zum Trio macht, ist Lotta Lubkolls Glück vollkommen. Und so ist ihr neuer Reisebericht „Sonne, Meer und lange Ohren“ auch gespickt mit Glücksmomenten – von Sonnenaufgängen über paradiesische Landschaften und unvergessliche Ausblicke bis hin zu neuen Bekanntschaften, die sich als Seelenverwandte erweisen. Keine Berührungsängste Auch wenn sie selbst alles andere als eine gewöhnliche Reisende ist, wundert sich Lotta Lubkoll immer wieder über Weltenbummler und Aussteigerinnen, die von der Hand in den Mund leben und dabei glücklich sind. Auf ihrer Reise, die von Erinnerungen an ihre Kindheit begleitet werden, lernt…

Rachefeldzug im Kindergarten
Rezensionen , Romane / 16. Januar 2023

Mit „Turmschatten“ hat der Münchner Peter Grandl vor zwei Jahren einen hochspannenden Thriller um den  von voyeuristischen Medien begleiteten Rachefeldzug eines alten Juden gegen drei Neonazis vorgelegt. Nun also die Fortsetzung „Turmgold“. Und wieder geht es um diesen Turm im Umfeld von München – und um existentielle Fragen wie „Darf man ein Leben opfern um zehn andere zu retten?“ Alltagsrassismus und Behördenversagen Und wieder hat der Medienexperte seinen Roman entlang der Schlagzeilen der letzten Jahre geschrieben und aktuelle Probleme wie den Alltagsrassismus, das Wiedererstarken der Rechten, das Versagen der Behörden, Corona, die Aufmerksamkeitsgier der Medien und den wachsenden Antisemitismus in einen bis zur letzten Seite spannenden Thriller verpackt. Halt im bürgerlichen Leben Zehn Jahre sind vergangen, seit der alte Jude Zamir die drei Neonazis in seine Gewalt gebracht hatte. Karl Rieger, der gegen seine Kumpane ausgesagt und als Kronzeuge eine neue Identität bekommen hatte, hat seinem alten Leben abgeschworen und sich in Frankreich als Vergolder eine neue Existenz aufgebaut. Mit seiner französischen Frau und den zwei Töchtern ist er als Paul Trautmann ein angesehener Bürger. Von dem Angriff auf den Turm erfährt er, als er in Augsburg in der Jugendstilkirche Herz Jesu arbeitet. Zum Killer gedrillt Für den ehemaligen Kumpan…

Mit dem Rad übers Polarmeer
Reisebücher , Rezensionen / 10. Januar 2023

20 Grad am ersten Tag des Neuen Jahres. Es ist viel zu warm für diese Jahreszeit. Wer sich da nach Eiseskälte sehnt, kann sich mit dem Berliner Richard Löwenherz auf ein eisiges Abenteuer begeben. In dem Buch „Eis Abenteuer Einsamkeit“ hat er seine Reise mit dem Fahrrad in die Sibirische Arktis beschrieben. Auch wenn Putins Krieg es derzeit unmöglich mahct, diese Tour, die zwischenzeitlich in eine Tortur ausartet, selbst zu unternehmen: Schon die Lektüre jagt den Lesenden kalte Schauer über den Rücken. Minustemperaturen um die 50 Grad Alles beginnt in Jakutsk, der kältesten Großstadt der Welt, wo immerhin 300 000 Menschen leben – unbeeindruckt von Minustemperaturen um die 50 Grad. Richard Löwenherz scheint sich diesen Bedingungen angepasst zu haben. Er ist alles andere als ein Warmduscher, schläft auch bei winterlichen Temperaturen unterm Sternenzelt und radelt bei zweistelligen Minusgraden vergnügt durch Eis und Schnee über die russischen Winterstraßen. Über die Eisdecke des Arktischen Ozeans Diese „Zimniks“ sind nur befahrbar, wenn Flüsse, Seen und Sümpfe zugefroren sind. Für den Abenteurer eine faszinierende Vorstellung. Sein Ziel nach mehreren Hundert Kilometern über das Eis gefrorener Flüsse ist Tiksi. Dorthin kommt man nach 200 Kilometern nur über die Eisdecke des Arktischen Ozeans. „Wo hat man…

Das Geheimnis des Arno Geiger
Rezensionen , Romane / 9. Januar 2023

Arno Geiger ist einen langen Weg gegangen, ehe er mit „Es geht uns gut“ 2015 den Deutschen Buchpreis bekam. Der Preis verschaffte dem bis dahin glücklosen Schriftsteller, der sein Geld 16 Jahre lang als Videotechniker bei den Bregenzer Festspielen verdient hatte, die lang vermisste Anerkennung seines Verlags. In seinem neuen Buch „Das glückliche Geheimnis“, weniger ein Roman als eine Art Geständnis, erzählt der Vorarlberger auch davon. Glückliche Sammelleidenschaft Und er enthüllt, was er bisher geheim gehalten hat: Dass er, der lange Zeit „im Zwischenreich der Erfolglosigkeit“ gelebt hatte, seine Einsichten einer Sammelleidenschaft verdanke. Dass er, wie die Buchpreis-Jury lobte, „Vergängliches und Augenblick, Geschichtliches und Privates, Bewahren und Vergessen in eine überzeugende Balance“ bringen konnte, führt Geiger auch darauf zurück, dass er sich als leidenschaftlicher Altpapier-Sammler auch fremde Leben aneignen konnte. Schamhaftes Plündern Ganze Briefkonvolute hat er aus den Altpapier-Tonnen gezogen, Tagebücher, Notizen, weggeworfene Bücher. Sie alle haben ihm Einblicke verschafft, die er in seinen Büchern verarbeiten konnte. Das Plündern der Altpapier-Tonnen, verschämt am frühen Morgen, blieb bis vor kurzem eine Konstante in seinem Leben, gesteht Arno Geiger, ein „glückliches Geheimnis“, für das er sich jahrelang geschämt hat. Rettung aus der Tonne Heute, als erfolgreicher Schriftsteller, kann er dazu stehen –…