Der Sommer der Extreme
Rezensionen , Romane / 12. März 2025

Auch wenn die Temperaturen so waren wie in anderen Sommern auch war dieser Sommer doch nicht wie andere. Denn Oliver Hilmes erzählt in dem Buch „Ein Ende und ein Anfang“ davon, „wie der Sommer 45 die Welt veränderte“. Und er tut das, indem er den Alltag der Menschen neben die politischen Entscheidungen stellt, die unsere Welt veränderten. Indem er Politiker, Prominente und ganz normale Personen nebeneinander stellt. Da wird nichts gewichtet. Schließlich passieren die Dinge ja auch gleichzeitig. Es wird viel zitiert in diesem so spannenden wie vielstimmigen Zeit-Porträt. Dafür hat der Autor viel gelesen, wie die Anmerkungen im Anhang und die vielseitige Bibliographie beweisen. Der reizende Herr Hitler Er war ja nicht dabei, als Swetlana und Josef Stalin nach dem Sieg über Hitler-Deutschland telefonierten. Auch nicht, als Hermann Göring, „der letzte Renaissance-Mensch“, in Augsburg vernommen wurde und der US-Soldat Klaus Mann ihn fragte, ob Hitler tot sei. Er hat nicht gehört, wie Winifred Wagner über ihren Freund Hitler sagte „Er war reizend.“ Oder wie Heinrich Himmler sich in Lüneburg stellte. Und doch liest sich das alles wie ein Augen- und Ohrenzeugenbericht. Das ist Oliver Hilmes‘ große Kunst. Die Zeitenwende Er hetzt die Lesenden von Berlin nach Tokio, von München…

Europa im Brennglas
Reisebücher , Rezensionen / 6. März 2025

Warum fühlen sie sich nicht als Europäer? Auf der Suche nach Erklärungen für das Verhalten seiner Schülerinnen und Schüler geht Jan Kammann, Lehrer an einer Europaschule, auf eine Reise in deren Heimatländer – nach Griechenland, Nordmazedonien, Serbien, in die Türkei, nach Ungarn, in die Ukraine und – ja auch das – nach Nordirland. Heterogener Kontinent Auch er muss lernen, wie heterogen dieser Kontinent ist, was die einzelnen Nationalitäten voneinander trennt, wie lange Kriege und Konflikte nachhallen – nicht nur im Balkan, auch in Nordirland. Der unkonventionelle Lehrer, der am liebsten in Hostels absteigt und keiner Plauderei aus dem Weg geht, erlebt viel herzliche Gastfreundschaft, stößt aber auch immer wieder an seine Grenzen. Wichtige Hintergründe Nach dem Erfolg seines Bestsellers „Ein deutsches Klassenzimmer“ lässt sich Jan Kammann auch in diesem Buch gern auf neue Erfahrungen ein, er entdeckt dabei nicht nur kulinarische Besonderheiten, sondern auch spannende Hintergründe – etwa zum russischen Überfall auf die Ukraine. Hier wird ihm klar, dass für die Menschen damals ihr bisheriges Leben endete und „es nie wieder so sein wird wie es war“. Zusammen und doch allein Das gilt auch für seine Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine: „In den ersten Tagen in der Schule tauschten…

Charaktere ohne Konturen
Rezensionen , Romane / 3. März 2025

„Als Wolfgang Mühlberger am Telefon vom Tod seiner einzigen Tochter Nathalie hört, bricht er zusammen. Nachdem seine Frau an Krebs gestorben ist, hatte Mühlberger den Kontakt zu seinem Kind verloren. Sie war dem ängstlichen und trauernden Vater zu viel geworden, mit ihrem Leid, den Schmerzen des Erwachsenwerdens. Nathalies Tod in der Psychiatrie ist rätselhaft. Ist sie an gebrochenem Herzen gestorben? Wer ist Schuld an Nathalies Tod? Im Laufe seiner Recherche trifft Mühlberger auf einen alten Bekannten, mit dem er einen schicksalhaften Streit hatte, in den achtziger Jahren, an der Humboldt-Universität, den damaligen Fachbereichsbeau Zorniger…“ Die Inhaltsangabe klingt so, als könnte Eva Förster mit der Erzählung „Zorniger“ die literarische Aufarbeitung komplizierter Gefühlswelten gelungen sein. Überzogene Vergleiche Das Erzählgerüst stimmt ja auch und könnte Grundlage für einen interessanten Film sein. Selbst das absurde Ende würde passen.  Auch der Rückblick auf die schicksalhaften Entscheidungen in der DDR. Aber leider mangelt es der Theaterwissenschaftlerin Eva Förster am stilistischen Handwerk – und dem Verlag an einem guten Lektorat. Die Dialoge sind simpel, hin und wieder auch verquast. Die Vergleiche wirken oft überzogen: „Sein Gehirn war wie diese Maschine vom Tele-Lotto in der DDR, wenn die Kugel, die später Zahlenscheiben umlegte, aus dem vulkanförmigen Kegel stieg…

Das Geheimnis des Mantels
Kinderbücher , Rezensionen / 1. März 2025

Kann ein gebrauchter Mantel Visionen hervorrufen? Sarah Wynne macht in ihrem Jugendroman „Tod im Samtmantel“ eben diesen Mantel zum Zeugen einer bösen Tat, die 40 Jahre später Aufklärung verlangt – von zwei cleveren Mädchen. Der Mantel aus dem Second-Hand-Shop Die stille Grace und die schrille Suzy sind beste Freundinnen. Sie können sich aufeinander verlassen – nicht nur in der Schule. Doch dann wird ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt, ihr Leben ist bedroht. Und das alles wegen des grünen Samtmantels, den Grace in einem Second-Hand-Shop erworben hat. Eine andere Zeit Der Mantel passt wie angegossen, aber kaum hat sie ihn an, fällt sie aus der Zeit. Was sie sieht, ist vor 40 Jahren passiert. Das Mädchen, um das es geht, war damals etwa so alt wie Grace. Und wenn sie die Szenen, deren Zeugin sie wird, richtig interpretiert, wurde diese Olivia, Liv genannt, ermordet. Grace fühlt sich zuerst hilflos. Was kann sie schon machen so lange Zeit nach dem Mord? Doch der Mantel lässt ihr keine Ruhe. Nur gut, dass Suzy ihre beste Freundin bei diesem Abenteuer nicht allein lässt: „Suzy atmete zitternd aus: „Wir steigen also wirklich in den Fall ein?“ Grace nickte. „Mir kommt‘s auch total verrückt…

Zwei Todesfälle und ein Krimi
Rezensionen , Romane / 27. Februar 2025

Nicola Förg gönnt ihrer pensionierten Ermittlerin Irmi Mangold keinen Ruhestand. Im neuen Irmi-Mangold-Krimi mit dem bezeichnenden Titel „Verdammte Weiber“ will die rastlose Ex-Kommissarin nicht an den Unfalltod einer Frau glauben, mit der sie gerade erst Freundschaft geschlossen hat – ausgerechnet bei einem Skikurs. Die Geburt der Gruppe 47 Die ehemalige freie Journalistin Cordula, genannt Coci, ist im Eis des Grüntensees eingebrochen. Jede Hilfe kam zu spät. Hatte jemand Interesse an ihrem Tod? Mit ihrer impulsiven Art hat sich Coci einige Leute zu Feinden gemacht, womöglich auch mit ihren Recherchen zum Leben und Sterben der Ilse Schneider-Lengyel. Die in Vergessenheit geratene Schriftstellerin hatte 1947 in ihrem Haus am Bannwaldsee ein Literaten-Treffen organisiert, bei dem sich die Gruppe 47 gründete. Die ungewöhnliche Gastgeberin ging als „Hex‘ vom Bannwaldsee“ in die örtlichen Annalen ein; angeblich starb sie verarmt im psychiatrischen Krankenhaus. Hatte Coci mehr über diesen rätselhaften Tod herausgefunden? Vernachlässigte Künstlerinnen Irmis Neugier ist geweckt. Und weil die Beziehung zum Ex-Kollegen Hase buchstäblich auf Eis liegt, nimmt sie sich eine Recherche-Auszeit. Zusammen mit einem schottischen Literaturstudenten macht sie sich auf Spurensuche, was Nicola Förg reichlich Gelegenheit gibt, über die Ungerechtigkeit der Kunstwelt gegenüber Frauen zu schreiben. Die Schriftsteller der Gruppe 47 haben ihre…

Schein und Schatten
Rezensionen , Romane / 27. Februar 2025

Ich mag Joel Dicker, ich mag auch seine komplex aufgebauten, nicht immer logischen aber stets spannenden Romane. Deshalb hatte ich mich auch auf das neue Buch „Ein ungezähmtes Tier“ gefreut. Doch diesmal hat mich der Autor enttäuscht. Der Roman wirkt wie mit heißer Nadel gestrickt. Womöglich liegen die stilistischen Brüche an der Übersetzung. Aber auch den handelnden Personen fehlt die Tiefe, sie bleiben schemenhaft. Figuren, deren Existenz nur dazu dient, dem Autor dabei helfen, die Lesenden in die Irre zu führen. Verwirrende Zeitsprünge Das ist schließlich seine Spezialität. Mit großer Lust arbeitet er in seinen Romanen an einem Labyrinth, aus dem er erst am Ende den Ausweg zeigt. Auch in diesem Roman ist nichts wie es scheint. Was schwarz war, wird weiß und umgekehrt. Grautöne gibt es kaum. In verwirrenden Zeitsprüngen nähert Dicker sich einer Aufklärung, die aufmerksame Leserinnen schon im deutschen Titel finden könnten. Ein Raubüberfall als Leitmotiv Doch der Weg dahin ist noch weit. Auf über 400 Seiten hat der französische Autor reichlich Gelegenheit, falsche Fährten zu legen. Worum es geht? Vordergründig um einen spektakulären Raubüberfall in Genf mit zwei Beteiligten, der im Buch zum Leitmotiv wird. Vor allem aber geht es um zwei Paare, die zufällig über…

Reporter, Ringer und Rassisten
Reisebücher , Rezensionen / 27. Februar 2025

„Die Sehnsucht nach Leben“ will Andreas Altmann in seinem neuen Buch mit gesammelten Reportagen verhandeln. Aber natürlich spielt auch da die Sehnsucht nach Liebe mit hinein. Sein Buch erzählt von Frauen und Männern, die „ich beneide und bewundere“. Schließlich hält es der Globetrotter Altmann mit Soeur Emanuelle, die er eingangs zitiert: Le paradis, c‘est les autres – Das Paradies, das sind die anderen. Oben das Geld, unten das Volk Das Leben ist für ihn ein „einmaliges, einzigartiges Geschenk“ und die Liebe zum Leben die „Mutter aller Sehnsüchte“. Diese Sehnsucht stillt Andreas Altmann auf seinen vielen Reisen, bei denen er sich nicht davor scheut, in menschliche Abgründe zu tauchen. Seinem kritischen Auge entgehen auch nicht die sozialen Brüche in glamourösen Städten wie Acapulco: „Oben das Geld, unten das Volk“. Natürlich war es auch schon früher so, im niederländischen Batavia etwa, dem heutigen Jakarta, wo im Keller des ehemaligen Rathauses die Beherrschten vegetierten und drüber die Herrschenden sich in ihren Himmelbetten suhlten. Warnung vor Rassismus Es sind nicht immer Gentlemen, die Andreas Altmann zu seinen Mini-Porträts inspirieren. Es sind Emporkömmlinge wie Du Yuesheng, Mafiosi wie Al Capone, Glücksritter wie Teddy Stauffer. „Sittliche Entrüstung“ ist Altmanns Sache nicht, auch wenn es um Bordelle…

Symphonie der Liebe
Rezensionen , Romane / 26. Februar 2025

Takis Würger ist ein Wort-Zauberer. Dem ehemaligen Spiegel-Redakteur gelingt es in seinem neuen Roman „Für Polina“, das Lebenselixir Musik auch für Musikmuffel begreifbar zu machen – am Beispiel des jungen Hannes, der sich nach seiner verlorenen Liebe verzehrt: „Hannes spielte, und die Menschen hörten ihn, als hörten sie Licht. Die Besucher des kleinen italienischen Nudelrestaurants auf der anderen Straßenseite verstummten, erst verdutzt, dann ergriffen. Die Studentinnen auf dem Weg zum Philosophieseminar verlangsamten ihre Schritte, kamen näher und blieben stehen. Die Kellner vergaßen ihre Bestellungen, die Babys in ihren Kinderwagen lauschten. Es war keine Zauberei. Oder vielleicht doch. Wann war Musik jemals etwas anderes als Zauberei?“ Bescheidenes Dasein Für Hannes ist dieses Spiel tatsächlich Zauberei, denn es stellt sein Leben auf den Kopf. Nachdem seine alleinerziehende Mutter Fritzi von einem Baum erschlagen worden war, hatte er sich eingerichtet in einem bescheidenen Dasein ohne große Erwartungen. Der schmächtige Kerl, der früher gern am Klavier saß – am liebsten mit Polina – hatte sich als Klavierträger verdingt. Heimlich stimmte er auch die schönen – verstimmten – Flügel. Bosch, der ungleich kräftigere Trage-Partner, war ihm zum Freund geworden. Und die Ärztin Leonie hatte ihm ein Heim geboten. Leben ohne Musik Doch Hannes fühlte sich…

Radabenteuer unter dem Horizont
Reisebücher , Rezensionen / 26. Februar 2025

Das muss man sich erstmal trauen: Mit dem Rad von Kapstadt nach Wien fahren – ohne männliche Begleitung. Tanja Willers und Johanna Hochedlinger haben sich getraut. Aus ihrer 24.100 Kilometer langen Tour sind Blogbeiträge entstanden und daraus das Buch „2 Frauen, 2 Räder, 1 Zelt“. In kurzen, reichlich bebilderten Episoden und mit vielen nützlichen Tipps berichten die beiden Frauen von ihrem Abenteuer. Offenheit und Lernbereitschaft Für all jene, die daran denken, eine ähnliche Reise zu unternehmen, haben sie einen Rat: „Besonders der Versuch, unsere Umwelt nicht andauernd nach mitteleuropäischen Kriterien und Maßstäben zu bewerten und ein gewisses Maß an Offenheit und Lernbereitschaft haben uns beim Eintauchen in neue, oftmals befremdliche Lebenswelten geholfen.“ Befremdliche Einblicke Und Befremdliches haben sie immer wieder erlebt: Beim Einblick in die Kultur der Buren in Südafrika ebenso wie bei der spürbaren Distanz zwischen Schwarzen und Weißen. In der Hitze Namibias, bei der Großwildjagd und bei Begegnungen mit neugierigen Fans. Die beiden haben zwischen Löwen in Botswana gezeltet, in Schulen und verlassenen Hotels. Extreme Erlebnisse Sie haben Elefanteneintopf gegessen, Krokodilsteaks und Kuduwurst. Sie waren auf Schotter unterwegs und auf Sand, im Dschungel und auf Asphalt, sind Berge hoch und runter gefahren und durch brodelnde Städte geradelt. Sie…

Zwei gegen das Böse
Rezensionen , Romane / 25. Februar 2025

Spannend und humorvoll sollte sein erster Solo-Krimi sein, sagt Volker Klüpfel bei der Vorstellung von „Wenn Ende gut, dann alles“ im Netz. Dass er beides kann hat der Allgäuer  mit den erfolgreichen Kluftinger-Krimis bewiesen, die er zusammen mit seinem Schulfreund Michael Kobr verfasst hat. Nun also der erste Krimi im Alleingang mit zwei ziemlich schrägen Protagonisten. Im Wohnmobil-Chaos Tommi Mann, der Möchtegern-Schriftsteller, lebt im ausrangierten Wohnmobil seines Vaters, nachdem ihn Freundin Michelle rausgeworfen hat und träumt in seinem alltäglichen Chaos der Verflossenen hinterher. Neben den Liebesseufzern versucht er auch einen Thriller zu schreiben und produziert dabei jede Menge Müll. Nur gut, dass allwöchentlich Svetlana auftaucht, um so etwas wie Ordnung in Tommis mobiles Heim und – soweit wie möglich – auch in sein Leben zu bringen. Patente Putzfrau Im Gegensatz zu Tommi ist die Ukrainerin gut organisiert, schlau ist sie auch und überaus neugierig. Und so stolpern die beiden in ihren ersten Fall, der sie von Anfang an zu überfordern droht. Tommi, anfangs angefixt von der Idee, selbst in einen Kriminalfall verwickelt zu sein, würde zwischendurch am liebsten aufgeben. Das aber kommt für die patente Putzfrau nicht infrage. Zumal es um ein hilfloses Kind geht, das sie am Waldrand aufgegabelt…