Jenseits von Landlust
Rezensionen , Romane / 16. April 2024

Martina Bogdahn weiß, wovon sie schreibt. Das spürt man vor allem in den eindringlichen Schilderungen des Landlebens in ihrem ersten Roman „Mühlensommer“. Die Fotografin ist in Weißenburg geboren und auf einem Einödhof aufgewachsen. Die Ähnlichkeiten mit der Protagonistin des Romans sind also nicht zufällig. Wie die Ich-Erzählerin Maria hat Martina Bogdahn dem elterlichen Hof den Rücken gekehrt, um zu studieren und später in München zu leben. Zwischen Stadt und Land Was sie in „Mühlensommer“ thematisiert, kennt sie selbst: Das Leben zwischen zwei Welten und die Sehnsucht nach Heimat. Dabei ist die Mühle, die im Mittelpunkt des Romans steht, alles andere als heile Welt. Das Geld ist knapp, auch die beiden Kinder Thomas und Maria müssen mithelfen – bei der Ernte, beim Hopfenzupfen, auch beim Schlachten. Die Eltern haben wenig Zeit für die Kinder, die Oma führt ein strenges Regime und entspricht so gar nicht den kindlichen Vorstellungen einer liebevollen Großmutter. Im Gegenteil, als Maria sich über die ersten Katzenbabys freut, werden sie von der Oma ertränkt. Nur keine Sentimentalitäten. Vertraute Gerüche Maria hat sich weit entfernt von diesem Leben, ist in der Großstadt angekommen und hat dort auch arrivierte Freunde gefunden. Die zwei Töchter sind Mode affin und haben keine…

Wunschstein und Liebesschloss
Reisebücher , Rezensionen / 16. April 2024

Irland ist für viele Sehnsuchtsziel. Wie einst Heinrich Böll haben sie auf der grünen Insel ihr Glück gefunden. Wer noch auf der Suche ist, bekommt Hilfe von der Reisebuchautorin Cornelia Lohs. 80 „Glücksorte in Irland“ verspricht sie und gerät schon beim Vorwort ins Schwärmen. Glück an der Westküste Wer ihr durch die 167 Buchseiten folgt, wird mit Sicherheit fündig, wenn auch vor allem an der Westküste. Hier hat  Cornelia Lohs nicht nur grandiose Landschaften erkundet, sie hat auch magische Plätze gefunden, sich in die irische Sagenwelt vertieft und in die Kunstwelt der Moderne. Sie hat himmlische Aussichten genossen und irdische Genüsse. Sie ist in der City gepaddelt, im Park geradelt und hat im Doppeldecker-Bus Sightseeing mit Tee und Scones ausprobiert. Liebesschloss Kylemore Abbey Es gibt viel zu sehen und zu erleben auf der grünen Insel und damit auch viele Möglichkeiten, glücklich zu sein. Vielleicht ganz besonders beim „Schloss der Liebe“, Kylemore Abbey in Connemara. Ja, auch Irland hat so etwas wie das indische Taj Mahal. Auch Kylemore erinnert an eine unsterbliche Liebe, wie Lohs schreibt: Der Arzt Mitchell Henry hatte für seine geliebte Frau Margaret das 50-Zimmer-Schloss errichten lassen. Als die neunfache Mutter mit nur 45 Jahren bei einer Ägypten-Reise…

Abgründe in der Maremma
Rezensionen , Romane / 15. April 2024

„Hinter verschlossenen Türen“, so auch der Titel des Romans von Sacha Naspini, passiert so einiges, was das Licht der Öffentlichkeit scheut. Der Autor, der selbst aus Grosseto kommt, öffnet die Türen des fiktiven Dorfes Le Case in der Maremma für eine staunende und immer wieder auch schockierte Leserschaft. Naspini hat ein vielstimmiges Porträt eines sterbenden Ortes geschrieben, rau und rücksichtslos. Bösartiger Chor Im Zentrum der Geschwätzigkeit steht Samuele, der Waisenjunge, der Le Case den Rücken gekehrt hatte und nach einer Mordankläge zurückgekommen war. Um ihn ranken sich viele der Geschichten. Lügenmärchen, Erinnerungen, Verleumdungen. Samuele ist so etwas wie der rote Faden in diesem vielstimmigen, oft bösartigen Chor. Dass er anders war als die wenigen gleichaltrigen Jungs im Dorf, erfährt man, dass er Schach geliebt hat, und wohl auch seine Großmutter, bei der er nach dem Verschwinden seiner Mutter aufgewachsen ist. Geschichten vom Überleben Wer Samuele wirklich war, darf er selbst erzählen, kurz bevor alles zu Ende ist  – das Buch und Le Case. Doch davor konfrontiert Sacha Naspini die Lesenden mit der ganzen Boshaftigkeit der Dorfbewohner – und mit Geschichten vom Überleben. Wie die des deutschen Soldaten, den eine Mutter aus Le Case bei sich aufnahm, um aus ihm einen…

Teppichklopfer und Gemüsebürste
Reisebücher , Rezensionen / 9. April 2024

Doris Dörrie ist viel unterwegs – und immer bringt sie von ihren Reisen etwas mit nach Hause. Darüber schreibt die Filmregisseurin in dem Buch Die Reisgöttin und andere Mitbringsel . Sie muss schon eine ganze Souvenir-Sammlung haben mit vielen seltsamen Fundstücken – eine Gemüsebürste aus dem japanischen Kyoto, eine Strandglassammlung, das Modell eines menschlichen Gehirns aus dem Iran, eine Bachmuschel aus dem Allgäu und, ja auch das, einen Teppichklopfer aus einem Abbruchhaus. Die Reisgöttin und das Risotto Zur Feuerwehrmütze aus Tokio gibt‘s die Geschichte einer Katastrophe mit dazu. Und die balinesische Reisgöttin, die im Titel des Buches steht, darf im heimischen Haushalt über das Risotto Milanese wachen. Aber nicht alle Mitbringsel fühlen sich wohl in Dörries Zuhause. Der mexikanische Kaktus zum Beispiel, den sie in einer Plastiktüte mitgebracht hatte, „sieht sehr traurig aus seinem Topf auf die permanent verregnete Straße und sehnt sich nicht nur nach Sonne und dem mexikanischen Himmel, sondern wahrscheinlich auch nach der richtigen Musik“. Borotalco gegen Flecken Man erfährt so einiges über die Autorin, die sich in diesen kurzen Notizen nicht nur durch ihre Reisen, sondern auch durch ihr Leben pirscht. Dass sie schon als Kind eine rege Fantasie hatte. Dass sie in Italien Borotalco als…

Spiegelbild der Liebe
Rezensionen , Romane / 2. April 2024

Als Geisterbaron hat sich Albert von Schrenck-Notzing einen Namen gemacht. Bei den Séancen traf sich die Münchner Bohème. Auch Thomas Mann ließ sich beeindrucken, so sehr, dass er dem Freiherrn einen Auftritt in seinem „Zauberberg“ gönnte. Jetzt hat der Filmemacher Jan Schomburg dem schillernden Mediziner Schrenck-Notzings einen ebenso schillernden Roman gewidmet. Traumata und Voodoo Dafür spannt er einen weiten Bogen – vom Geisterglauben im Fin de siècle in München über den Ersten Weltkrieg und seine Traumata, aribische Voodoo-Rituale und ein Massaker in Haiti bis zum Aufkommen des Faschismus in Deutschland und seine zerstörerischen Folgen. Die große Liebe Und mittendrin der Freiherr, der die Kunst der Hypnose beherrscht und medial begabte Menschen dazu bringen kann, im Dunkeln schwebende Gebilde hervorzubringen. Ein Mann der Wissenschaft, so sieht er sich. Und ein Mann, der liebt. Ella, die Tochter aus reichem Haus, ist seine große Liebe. Eine selbstbewusste Frau mit ausgeprägtem Eigenleben. Existentielle Krise Während ihr Mann das Unbewusste erforscht, ist sie fasziniert vom Wunder des Fliegens. Ihr Tod stürzt Albert in eine existentielle Krise: „Alberts Liebe zu Ella war so tief in ihn eingeschrieben, so vielgestaltig mit seiner gesamten Existenz verknüpft, dass ihm die Vorstellung, es könnte ihn ohne diese Liebe geben, ganz…

Wege ins Innere
Reisebücher , Rezensionen / 2. April 2024

Zur Osterzeit von München an den Bodensee: Die 14 Tage lange Wanderung auf dem Münchner Jakobsweg ist der Einstieg zu zwölf Pilgertouren in den Alpen. Ein relativ leichter Einstieg mit bekannten Zielen wie dem Kloster Andechs, dem heiligen Berg, oder der Wieskirche und dem Pfänder. Pilgern in den Alpen Pilgern ist ein Zustand, davon ist Sandra Freudenberg überzeugt. Mit ihrem Buch „Hoch und Heilig“ lädt sie zum Pilgern in den Alpen ein. Die fast meditativen Fotos dazu stammen von Stefan Rosenboom, der die Autorin auf einigen der Pilgerwege begleitet hat. Druidin und Wildschütz Zwölf besondere Pilgerwege stellen die beiden vor – in Bayern, Österreich, Südtirol und in der Schweiz, und Sandra Freundenberg erzählt dazu Sagen und Legenden. Oft stehen die christlichen Kapellen und Kirchen auf uralten Kultstätten. Im mystischen Mühltal etwa kennt die Autorin das Grab eine Druidin, das von Frauenkreisen geschmückt wird. Und manchmal wird bei den Wallfahrten nicht nur der Heiligen gedacht, sondern auch legendärer Wilderer wie des Wildschützen Jennerwein. Seelenlandschaft… Für den einen Weg reichen einige Stunden, für andere muss man sich mehrere Tage, gar Wochen, Zeit nehmen. Die einen führen tatsächlich ganz hoch hinauf wie der höchstgelegene Kreuzweg am Großvenediger. Andere begnügen sich mit mittleren Höhen,…

Zeit und Schicksal
Rezensionen , Romane / 28. März 2024

Das andere Tal, so auch der Titel dieses erstaunlichen Debüt-Romans von Scott Alexander Howard, liegt hinter den Bergen egal ob im Osten oder im Westen. Und es ist identisch mit dem Tal, in dem die Ich-Erzählerin Odile aufwächst. Alles gleich, die Häuser, die Schule, der See, die Hügel. Und doch ist etwas anders: Die Zeit. Im Westen ist alles 20 Jahre früher, im Osten 20 Jahre später. Ein unüberwindbarer Zaun trennt die Täler von einander. Regulierte Zeitreisen Aber es ist möglich, in die Zukunft oder in die Vergangenheit zu reisen – mit behördlicher Genehmigung und aus einem triftigen Grund.  Wegen übergroßer Trauer etwa, wenn ein geliebter Mensch plötzlich aus dem Leben gerissen wird. Wer würde nicht alles dafür geben, ihn oder sie noch einmal zu sehen? Oder wer würde nicht gern wissen, wie die Enkel leben? Berührungsängste Die Zeitreisenden dürfen allerdings nicht mit den von ihnen Ersehnten sprechen, sie müssen Masken tragen, um nicht erkannt zu werden. Denn um jeden Preis muss verhindert werden,  dass Menschen in das Schicksal eingreifen. Deshalb sind auch die Gendarmen so wichtig, die an der Grenze patrouillieren. Fast so wichtig wie der conseil, der über die Anträge auf Zeitreisen entscheidet. Zerstörerisches Wissen Die schüchtern Odile…

Meditatives Strandsammeln
Reisebücher , Rezensionen / 25. März 2024

Die Strandsammlerin ist Sally Huband und so heißt auch ihr Buch, in dem sie über ihr Leben auf den Shetland-Inseln erzählt. Nach ihrer Heirat und der Geburt ihrer zwei Kinder hat Sally nach einem neuen Lebensinhalt gesucht. Die Arbeit bei einer Naturschutzbehörde hatte sie aufgeben müssen. Aber nur Mutter zu sein befriedigte die engagierte Naturschützerin und überzeugte Feministin nicht. Eine dicke Schicht Plastikmüll So entdeckt sie das „Beachcombing“, das Strandsammeln. Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Strände zu sammeln, also zu besuchen, sondern darum, was man an den Stränden findet. Vor allem Plastik, das muss auch Sally erkennen: „Ein Ende des Strandes war mit einer dicken Schicht von angespültem Plastikmüll bedeckt“, schreibt sie: „Ich fand das abstoßend, aber Martin marschierte direkt auf den Müll zu und bückte sich, um einen gebogenen Plastikstreifen aufzuheben, auf den ein Code gedruckt war – damit wurden Hummerfallen aus Neufundland oder Labrador gekennzeichnet, wie er mir erklärte.“ Martin Heubeck koordinierte die Registrierung der gestrandeten toten Vögel, die meist an Plastik elendiglich zugrunde gingen – und Sally findet eine neue Aufgabe. Die sagenhafte Seebohne Doch an den Stränden entdeckt sie nicht nur Unmengen von Plastik, sondern auch Schätze aus der Natur wie Treibsamen. Sally, die…

Schwer erziehbar
Kinderbücher , Rezensionen / 25. März 2024

„How to train your Dad“ ist kein Ratgeber dafür, wie man Eltern erzieht. Gary Paulsen erzählt vielmehr die Geschichte eines Scheiterns – mit viel schrägem Humor und amerikanischem Lokalkolorit. Carl lebt nach dem Tod seiner Mutter mit seinem Vater in einem schrottigen Wohnwagen auf einem vernachlässigten Grundstück. Sie haben Schweine und Hühner und die humpelnde Pitbull-Hündin Carol, „eine Fressmaschine in Hundegestalt“ mit einem ausgeprägten Beschützerinstinkt. Ein spezieller Dad Und dann ist da noch Pooder, Carls bester Freund, ein schlaues Kerlchen und, wie Carl, ein Außenseiter in der Schule. Und Pooder ist ganz begeistert von Carls Dad. Denn der ist speziell. So speziell, dass Carl ihn am liebsten umerziehen würde. Lieber normal Warum? Weil sein Dad am liebsten Dinge recycelt, alte Sachen repariert, in Containern nach Essen fischt und auf Flohmärkten Klamotten kauft, die längst aus der Mode sind. Das hat Carl lange nicht gestört. Doch dann hat er sich in Peggy verguckt, ein Mädchen in seiner Klasse. Für sie wäre er gern anders, also normal. Versuch einer Umerziehung Doch wie soll das gehen mit einem Dad wie dem seinen. Pooder, der immer für alles eine Lösung hat, rät ihm zur Umerziehung. Und Carl macht sich ans Werk, wobei er ein…

Lust auf Europa
Reisebücher , Rezensionen / 20. März 2024

Man muss nicht den Kontinent verlassen, um Neues zu entdecken und viel zu erleben. Das bestätigt auch Lonely Planet mit „Die besten Kurztrips durch Europa“. Denn Europa ist vielfältig – zwischen Süd und Nord, zwischen Ost und West gibt es nicht nur 47 Staaten mit höchst unterschiedlicher Geschichte und Kultur, es gibt quirlige Städte und einsame Landschaften, Berge und Seen, Meere und Inseln. Viel zu viel für 330 Seiten. Da mussten die – französischen – Autorinnen und Autoren eine enge Auswahl treffen. Aber warum weder französische noch deutsche Ziele in dem Buch zu finden sind, erklärt das nicht. Quer durch den Kontinent Der Süden Europas wird bestimmt von Spanien, Portugal, Italien, Dalmatien und Griechenland. Auch ein paar Inseln sind dabei – und Istanbul, die Stadt auf zwei Kontinenten. Im Kapitel „Der Westen“ versammeln sich Belgien, die Niederlande, Luxemburg und – warum auch immer – die Schweiz. In der Mitte findet man dagegen Polen, die Slowakei, Slowenien, Rumänien, Bulgarien und – Überraschung! – Österreich.  Eher erwartbar sind die Ziele im Norden: England, Schottland, Irland, natürlich auch Schweden, Norwegen, Finnland, Island und die baltischen Staaten. Besonderheiten und praktische Tipps Soviel zur Geographie-Einteilung. Alle 75 Kurztrips haben ihre Besonderheiten und sind mit praktischen…