Das wilde Mädchen
Allgemein / 25. September 2018

Ein Buch wie ein Axthieb, schmerzhaft spaltend, schockierend. Gabriel Tallent hat mit „Mein Ein und Alles“ Grenzen überschritten und für Aufregung in der amerikanischen Literaturkritik gesorgt.  Die Heldin seines ersten Romans, der sogleich an die Spitze der amerikanischen Bestseller erklomm, ist die 14-jährige Turtle, die bei ihrem psychotischen Vater in einer lebensfeindlichen Landschaft im Norden Kaliforniens aufwächst – da, wo auch Tallent herkommt. Das Gewehr ersetzt die Puppe Turtle, die mit sechs ihr erstes Gewehr in der Hand hatte, kann besser schießen als Vokabeln lernen.  Sie hantiert mit Gewehren statt mit Puppen.  Sie weiß, wie man ohne Streichhölzer Feuer macht, wie man einen Truck fährt und wie man in der Wildnis überlebt. All das hat ihr Martin, ihr Vater, beigebracht. Aber der charismatische und belesene Witwer hat auch eine dunkle Seite. Er ist besessen von der Idee, seine Tochter zu beherrschen – und zu besitzen. Diese Obsession lebt er mit aller Gewalt aus. „Wie groß du bist“, sagt er, „wie stark. Mein Ein und Alles.“ Dem Vater ausgeliefert Doch Turtle ist nicht stark, sie ist ihm ausgeliefert in einer Hass-Liebe: „Er trägt sie in sein Zimmer, und sie verspürt ein schreckliches Bedürfnis nach ihm. Er ist so groß, dass es sich…

Eine Kampagne für die Menschenrechte
Allgemein / 25. August 2018

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“ Der erste der 30 Artikel der Allgemeinen Menschenrechtserklärung formuliert eine gemeinsame Vision für die Welt, unabhängig von Staats- und Gesellschaftsformen. Heute sind die Grundsätze, die vor 70 Jahren am 10. Dezember von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurden, noch so relevant wie 1948. Die Artikel der Allgemeinen Menschenrechtserklärung sind Bestandteil vieler Verfassungen. Dennoch werden die Menschenrechte in vielen Staaten missachtet und Bürger, die sich für ihre Einhaltung einsetzen, riskieren häufig ihre Freiheit und ihr Leben. Engagement gefordert 2018 begehen die Vereinten Nationen (UN) den 70. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, zugleich findet die Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr zum 70. Mal statt (10.-14. Oktober). Gemeinsam mit ARTE, ZDF und DER SPIEGEL haben die Frankfurter Buchmesse und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sich deshalb zu einem Aktionsbündnis zusammengeschlossen und mit Unterstützung der Vereinten Nationen und Amnesty International die Kampagne „On The Same Page“ gestartet. Mit der Kampagne lädt das Aktionsbündnis die internationale Buch- und Medienbranche ein, sich für die Einhaltung der Menschenrechte zu engagieren. „Da die grundlegenden Werte der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte…

Ambivalente Erinnerungen
Allgemein / 10. August 2018

Eine Frau erzählt ihrem gelegentlichen Liebhaber von ihrer Großmutter Ruth, die sie geprägt hat. Nach dem Sex, per Telefon oder im Restaurant. Die in Augsburg geborene und in München als Medienjournalistin arbeitenden Claudia Tieschky entwickelt aus diesen Gesprächen ihren ersten Roman „Engele“. Geglückt ist das Ganze allerdings nur halb. Das Gerüst wirkt allzu konstruiert, um glaubwürdig zu sein, das kommunizierende Liebespaar bleibt lange blutlos. Der tiefe Fall des Großvaters Die Leser kommen dieser erzählenden Lotte nicht wirklich nahe, selbst wenn sie Intimes aus ihrer Kindheit und Jugend berichtet. Wenn sie davon erzählt, wie der Großvater, Siegfried Engele (daher der etwas irreführende Titel des Romans), wegen seiner pädophilen Neigungen vom bewunderten Musiker zum gesellschaftlich Geächteten wurde. Wie seine Vergehen die Familie zerstören, das Leben der Tochter vergiften. Die Großmutter als Fels in der Brandung Nur die Großmutter, so erzählt es die Enkelin, hält stand, ein Fels in der Brandung. Sie, die früh Emanzipierte, die Kämpferin, die Exzentrische, ist Lottes Vorbild. Von frühester Kindheit hat sie inhaliert, dass Selbstständigkeit wichtiger ist als Liebe, der Beruf wichtiger als mögliche Kinder.  In den Gesprächen mit dem Liebhaber, nimmt das Bild dieser Ruth Konturen an, changiert zwischen femme fatale und einer selbstgerechten, harten Egoistin, die die…

Harte Zeiten für harte Männer
Allgemein / 16. Juni 2018

Er nennt sich Billy Web, aber das ist nicht sein richtiger Name. Der Fremde, der scheinbar überall fremd bleibt, heißt Pete Ferguson. Ein Mann mit Vergangenheit und ein Mann auf der Flucht. Schweigsam ist Pete, ein Einzelgänger auch unter Bisonjägern, Comancheros und Revolutionären in Guatemala. Nie wird er einer von denen, die er für kurze Zeit begleitet und meist geht das, was er gut gemeint hat, schief. Pete bewahrte sich eine mitfühlende Seele Das Leben ist hart, auch für harte Männer. Doch im Gegensatz zu anderen verbirgt Pete hinter seiner rauen Schale eine mitfühlende Seele. Er hat gestohlen und betrogen, seinem Vater beim Selbstmord zugesehen und einen Angreifer erschlagen. Am Äquator steht die Welt Kopf Jetzt sucht er nach Erlösung. Und weil ihm ein Bisonjäger vom Äquator erzählt hat, dem „Mittelpunkt der Erde“, wo die Dinge auf dem Kopf stehen, macht sich Pete auf, diese umgekehrte Welt zu finden. Immer in der Hoffnung, dort, wo alles anders ist, noch einmal von vorne anfangen zu können. „Der alte Jäger behauptet, dort wäre alles umgedreht. Die Pyramiden würden auf der Spitze stehen, das Wasser zum Himmel fließen, die Vögel würden laufen, und man müsse seine Taschen mit Kieselsteinen füllen, um die Füße…

Gut gemeint
Allgemein / 2. Mai 2018

„Jetzt rüsten alle wieder auf. Die Nationale Alternative will ein neues Bündnis mit Russland. Und die europäische Währung, der Euro, der ist in Deutschland, wie fast überall wieder Geschichte.“ Ganz so abwegig ist die Ausgangshandlung in Martin Schäubles Dystopie „Endland“ nicht. Längst sind Dinge wieder vorstellbar, die Jahrzehnte tabu waren. Insofern ist dieser Jugendroman über die Flüchtlingsproblematik von beklemmender Aktualität. Zwei gegensätzliche Perspektiven  Der Politikwissenschaftler Schäuble erzählt aus zwei Perspektiven: Da ist Fana, die junge Äthiopierin, die in Deutschland ihr ehrgeiziges Ziel, Medizin zu studieren, erreichen will. In ihrer Heimat hätte sie dazu keine Chance.  Auf der anderen Seite stehen die zwei Bundeswehrsoldaten Noah und Anton, die an der Grenze zwischen Deutschland und Polen stationiert sind. Während Noah regimekritisch die Ausrichtung der neuen Politik nicht nur hinterfragt sondern auch torpediert, steht Anton treu zur nationalistischen Regierung. Ein perfider Plan wird vereitelt Und dann wird ausgerechnet er ausgewählt, als Flüchtling getarnt in einer Auffangstation Unruhe zu stiften und ein Attentat zu verüben.  Doch Fana und Noah machen den perfiden Planern einen Strich durch die Rechnung – und Anton zum Dissidenten. Soweit so gut und durchaus auch spannend, wenn auch – glücklicherweise – (noch) fern er aktuellen Realität. Zu wenig  Grautöne  Was…

Gerhard Köpf, der Mann aus dem Allgäu
Allgemein / 12. November 2017

Lange hat man nichts mehr von dem Schriftsteller Gerhard Köpf gehört, obwohl er mit zahlreichen Preisen für seine Romane (u.a. Innerfern, Die Strecke) ausgezeichnet worden war und zu den Hoffnungen der jungen deutschen Literatur gehört hatte. Köpf hatte sich als Literaturprofessor in den akademischen Elfenbeinturm zurückgezogen. Jetzt hat er ein neues Buch veröffentlicht: „Das Dorf der 13 Dörfer“ ist, so der Autor bei der Lesung im Augsburger Taschenbuchladen, „der Schlussstein“ zu dem literarischen Kosmos, den er um seine Heimat Pfronten herum geschaffen hat. Geschichten aus der Zeit, als die Republik in ihrer Pubertät war  Ein Erinnerungsbuch sei es, sagt der mittlerweile ergraute Wahlmünchner, auf keinen Fall aber ein Schlüsselroman. Geschrieben hat er es aus der Perspektive „eines Mannes, der nicht mehr benötigt wird“ und der im Rundfunk neben dem Kalenderblatt das „Mittagsläuten“ betreut, früher auch als „Türkenläuten“ bekannt, weil es an den Sieg über die Türken erinnerte. „Vermintes Gebiet“, kommentiert Köpf. Wie so vieles, was in den 1950iger Jahren, „als die Republik in ihrer Pubertät war“, noch unhinterfragt gesagt werden konnte. „Es hat sich alles etwas euphemisiert“, sagt Köpf und liest die Episode, in der Sigi, der rothaarige Underdog mit dem Faible für Karl May bei einem Schulausflug in die…

Buchmesse: Georgien wird Partnerland 2018
Allgemein / 21. Oktober 2017

2018 feiert Georgien den 100. Jahrestag seiner ersten Unabhängigkeit – und es ist Partnerland der Buchmesse Frankfurt. Im Mittelpunkt der Präsentation des Landes werden die 33 kunstvoll geschwungenen Buchstaben des georgischen Alphabets stehen, das die Unesco kürzlich zum Welterbe erklärt hat. Doch unter dem Motto „Georgia – Made by Characters“ will das Land nicht nur die Geschichten vorstellen, die mit diesen Buchstaben niedergeschrieben wurden, sondern auch die Künstler dahinter und eigentlich ganz Georgien, dieses widersprüchliche Durchgangsland zwischen West und Ost. Ein großes Rahmenprogramm begleitet des Gastauftritt Mikheil Giorgadze, Minister für Kultur und Denkmalschutz Georgiens, wies bei der Vorstellung des Gastlandes 2018 auf der Buchmesse darauf hin, dass vor 200 Jahren die ersten deutschen Siedlungen in Georgien gegründet wurden und dass Deutschland der erste Staat war, der 1991 die Unabhängigkeit Georgiens anerkannte. Der Gastauftritt in Frankfurt wird von 100 kulturellen Events in ganz Deutschland, aber auch in der Schweiz und Österreich begleitet, und er soll zeigen, dass Georgien „fundamentale europäische Werte“ teilt, so der Minister. Jürgen Boos, der Geschäftsführer der Buchmesse, hob vor allem „die lebendige Literaturszene des kaukasischen Landes“ hervor. Seit 2010 wurden mehr als 65 georgische Bücher mit Unterstützung des Georgian National Book Centers in deutschsprachigen Ländern veröffentlicht. Im…