Clare Leslie Hall traut sich was: Ihr Roman „Wie Risse in der Erde“ ist eine dramatische Dreiecksgeschichte mit Krimi-Elementen. Und dank der meisterhaften Erzählkunst der Autorin ist das Wagnis auch gelungen. Diese Dreiecksgeschichte ist etwas ganz besonderes, spannend, herzzerreißend, sensibel. Es geht um Liebe und Leidenschaft aber auch um Verlust und Hingabe. Das ganze Drama spielt in einem Dorf im englischen Dorset. Da, wo die Häuser Augen und Ohren haben. Wo die Dorfgemeinschaft im Pub ihr Urteil fällt.
Sommer der Liebe
Als die 17-jährige Beth sich in Gabriel verliebt, den Sohn aus reichem Haus, bleibt auch das nicht verborgen. Doch die beiden sind jung, fühlen sich als Seelenverwandte und erleben einen unbeschwerten Sommer der Leidenschaft. Gabriels Mutter missbilligt die nicht standesgemäße Liaison. Und sie ist nicht ganz unschuldig an dem Missverständnis, das zum Bruch führt.
Glück und Unglück
13 Jahre später lebt Beth mit ihrem Mann Frank auf dessen Farm. Es ist das Jahr 1968. Zusammen mit Franks Bruder Jimmy bewirtschaften sie den Hof, fühlen sich einander und den Tieren tief verbunden. Doch Beth leidet auch unter dem Tod des Sohnes Bobby, der bei einem Unfall auf der Farm ums Leben kam.
Verhängnisvoller Schuss
Und dann kommt Gabriel mit seinem Sohn Leo zurück ins Dorf. Leo ist so alt wie Bobby, als er starb. Als Jimmy Leos Welpen erschießt, nachdem der drei Schafe gerissen hatte, nimmt ein Unglück seinen Lauf, das in seiner doppelbödigen Tragik vorprogrammiert scheint.
Gefährliche Gefühle
Beth nimmt sich des mutterlosen Jungen an, starke Gefühle kehren zurück, nicht nur mütterliche: „Ich spüre, dass ich anfange, diesen Jungen ins Herz zu schließen, obwohl ich Frank und mir selbst versprochen habe, mich nicht auf ihn einzulassen. Und es fühlt sich ein bisschen gefährlich an, mein Herz auch nur einen Spaltbreit zu öffnen. Weil ich weiß, dass ich damit aufhören sollte. Weil ich weiß, dass ich es nicht tun werde.“
Persönliche Perspektive
Clare Leslie Hall verschränkt Gegenwart und Vergangenheit in ihrem Roman, den sie ganz aus der Sicht von Beth erzählt. So werden die Lesenden mit einbezogen in Beth‘s Gefühlschaos, in den Strudel der Leidenschaft, der alles zu verschlingen droht. All das kann im Dorf nicht unbemerkt bleiben. Am Ende gibt es einen Toten und einen Prozeß. War es Mord, ein Unglück?
Wendungsreicher Plot
Hall ist eine versierte Erzählerin, ihr Stil ist so makellos wie ihr Plot wendungsreich ist. Dazu trägt auch die Erzählung über den Fortgang des Prozesses bei, die Hall geschickt in ihre Romanstränge mit einflicht. Nach all den Wendungen gelingt der Autorin noch am Schluss eine große Überraschung. Danach würde man am liebsten noch einmal anfangen zu lesen – mit den neuen Erkenntnissen.
„Wie Risse in der Erde“ ist trotz all der Trauer ein hoffnungsvolles Buch. Denn die Protagonisten wachsen über sich selbst hinaus und schaffen einen Neuanfang. Ein tröstliches Ende.
Info Clare Leslie Hall. Wie Risse in der Erde, ins Deutsche übertragen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Piper, 397 S., 24 Euro
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